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Gefühle

Kennst du das Gefühl, in der U-Bahn zu sitzen und dich von der dunklen Röhre eingesaugt zu spüren? Kennst du das Gefühl, zwischen all den Menschen einsam zu sein? Die Bahn beschleunigt, vibriert, die Schlaufen zum Festhalten wackeln fröhlich im Takt. Und je mehr Menschen einsteigen, umso einsamer wird es? Kennst du das Gefühl der Gänsehaut im Nacken, wenn die kalte Stimme in deinem Hinterkopf flüstert, dass du in deinem Innersten immer alleine sein wirst?

Keine guten Gefühle.

Es gibt aber Möglichkeiten, diese Gefühle los zu werden. Aus der U-Bahn aussteigen. Über die Fußballfans grinsen, die ihr Dosenbier öffnen, „auf die Grünen“ anstoßen und dabei wohl keine politische Partei meinen. In eine andere Dimension reisen. Dinosaurieruntergrund oder Mutantenstadl. Den einen Moment erleben. Sich zum Zentrum des Universums wünschen. Im Bett liegen und Musik fühlen, wie seit Jahren nicht mehr. Flugreise mit Synästhesie-Airlines.

Bessere Gefühle.

photo cc by Bryan Boobooo

Tanzen/Schwimmen/Schreiben

Es gibt zwei Situationen, in denen meine Gedanken laut und klar sind. Im Schwimmbad, unter Wasser und bei lauter Musik. Letzteres ist ziemlich blöd. Mich auf Konzerten konzentrieren zu müssen, um nicht völlig abzudriften und mich irgendwann zu fragen, wie viele Lieder ich „verpasst“ habe, ist nicht sehr entspannend. Vielleicht geht es allen Menschen so und ich kann nur nicht so gut damit umgehen. Das macht auch das Tanzen schwierig. Ich tanze eigentlich gerne, aber ich komme sehr schwer „rein“ und lasse mich auch sehr leicht wieder „raus“ katapultieren. Vielleicht fehlt auch nur die richtige Musik. Oder irgendetwas anderes.

Ich stelle mir vor, wie ich in einem sterilen Schwimmbad meine Bahnen schwimme. Ich muss an die Szene in Neon Genesis Evangelion denken. Als ich die Folge „Magmadiver“ zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich ein merkwürdiges Déja-Vue. Als sei ich schon mal in diesem Schwimmbad gewesen. Was nicht sein kann, weil das Schwimmbad gezeichnet ist und ich mich recht selten in gezeichneten Schwimmbädern aufhalte. Letztendlich ist es egal, wer da seine Runden zieht: die Helden meiner Jugend, Don Draper oder ich halt. Das Schwimmen wäre nebensächlich. Wichtig ist das helle Aquamarin, der Chlorgeruch und die sterilen Fliesen, auf denen wahrscheinlich ganze Fußpilzzivilisationen wachsen. Vielleicht würde das alles auch überhaupt nichts werden. Meine Kondition ist so gut wie nicht existent, ich sehe ohne Brille kaum etwas und die lauten Gedanken lenken vom Schwimmen genauso ab wie vom Tanzen.

Beim Schreiben sind meine Gedanken auch oft sehr klar und laut. Aber da stört es nicht.
(Nein, das ist keine Lösung.)

photo cc by jayhem

Dreadlocks im Stroboskoplicht

Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient. Wer einen aktuellen Mozilla-Browser benutzt, hat besonders viel von dem Artikel, da ich passend zum Titel von der blink-Eigenschaft Gebrauch gemacht habe. Alle anderen modernen Browser funktionieren natürlich trotzdem gut.

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Drinnen/Draußen

Du schläfst nicht so, wie du schlafen solltest. Am Nachmittag nickst du ein, wachst Stunden später auf und fühlst dich den ganzen restlichen Tag wie in Watte eingepackt.
Und jetzt Pastis. Als wären die ganz normalen Einbildungen noch nicht genug, suchst du noch weitere Ablenkung im Anisschnaps. (Ich weiß nicht mal, ob das die richtige Bezeichnung ist. Was soll man zu einer gelben, dickflüssigen Materie sagen, die sich nur schwer mit Wasser vermischt und einen trüben gelblichen Nebel im Glas hinterlässt?)
Es schmeckt nach Lakritze, aber vielleicht ist es besser, nicht zu viel über Alkohol zu reden, da sich dann ja wieder jeder Gedanken macht, sich um deine Magenwände sorgt und überhaupt, was sollen die Leute denken?
“Se sollen denken, waat se wëllen, soot Kätt.”
Hörspielversionen von luxemburgischen Kinderbüchern. Schatten aus der Vergangenheit. Endlosband auf der Fahrt in den Süden. Immer geradeaus, Autobahn, Raststätte Autobahn, Autobahn, Tankstelle, Autobahn, durch die Nacht, Autobahn, Sonnenaufgang, Autobahn, Autobahn, Stahlflamingo, Landstraße, RiveGaucheoderRiveDroite?. Und immer die gleichen Geschichten.
Die Luft hier riecht fast gleich, fast kannst du diese seltsame Stimmung spüren, irgendwo zwischen Kind und Erwachsen werden, nie zufrieden, nie im Wasser, nie mit den Gedanken da. Und immer schwirren Geschichten umher, versunkene Schiffe voller Geheimnisse und japanische Kampfroboter.

Das ist alles nicht weit von hier und dennoch unendlich lange her.

Ich weiß nicht, was mich daran hat denken lassen. Es war ein grauer Abend, verbracht am Telefon mit I., die mich aus heiterem Himmel angerufen hat. Und so leben wir in irgendwelchen Studentenwohnheimen in die wir nicht gehören und erzählen uns von unseren Küchen und Pfannen und Sanitäranlagen.
Und wo findet das Leben statt? Darf ich Samstagabends in Marseille alleine vor meinem Laptop sitzen, Pastis trinken (Schon wieder! Was sollen nur die Leute denken!) und meine Gedanken niederschreiben? Oder müsste ich einsam durch die Straßen der Großstadt ziehen und mich dort mit Fremden betrinken, ohne Ziel, immer nur auf der Suche nach dem wahren Leben?
Was machen wir aus unseren Leben? Ist Leben arbeiten? Ist Leben nach der Arbeit, nach der Schule, nach der Uni? Findet das Leben nur in Bars und Diskos an Wochenenden statt? Lebe ich nur, wenn ich tanze und trinke und Sex habe? (Ich hatte “ficke”geschrieben, aber das war mit zu negativ.)
Ist Lebenszeit im Bus vergeudete Zeit? Wenn ich Zeitung lese, bin ich dann asozial? Ist es besser, auf einer Parkbank zu lesen als im Zimmer, nur weil die Sonne scheint?
Ist ein Telefongespräch besser als ein Chat? Sagt ein Brief mehr aus als eine Email? Was ist mit Fax? Sollte ich T. eine Postkarte mit meinen Einfällen schicken statt einer SMS?
Zählen virtuelle Umarmungen nicht?
Ist mein Blog nicht wichtig, weil es nicht “draußen”ist? Wenn ich im Park einen Eintrag schreibe, bin ich dann trotzdem nur virtuell unterwegs?
Darf ich meine Emails checken wollen, wenn ich heimkomme, aufstehe, schlafen gehe?
Ist Schlaf wirklich so wichtig?
Was ist besser? Eine Nacht in einer Disko oder eine Nacht vor der Schreibmaschine?
Wird ein Film besser, wenn ich ihn auf dem TV-Gerät ansehe und andere das auch tun?

Darf ich auch mal zu Hause bleiben, wenn ein tolles Konzert ist? Darf ich auch manchmal einfach nur müde und faul sein? Darf ich einen Abend mit Computerunsinn statt mit Tanzen verbringen?
Kann ich trotzdem voller Überzeugung sagen, dass ich gerne tanze und rausgehe und trinke und feiere und ich nicht antisozial bin?

Darf ich? Kann ich? Muss ich?

Das Leben findet draußen statt. Oder?
Alleine einen Artikel für die Wikipedia schreiben oder zusammen Thomas Gottschalk sehen?
In meinem Kopf ist immer Party.
Manchmal tanze ich, ganz für mich alleine, spiele Luftgitarre, ohne Zuschauer. Ist das schlechter als anders?
Da sind ja genug Stimmen, mit denen ich mich unterhalten kann.

Die Nacht ist jung und niemand weiß, was gespielt wird.
Der Tag ist alt und niemand weiß, woher die Lichter kommen.
Tote Sterne sagen nichts über die Zukunft.

Wollte ich nicht eigentlich über Ina schreiben, meine Ina, die mich nicht loslässt?

Auf einmal sind alle Zikaden still.