_

wolkeNacht

In der Nacht kam der Wind und mit ihm die Wolken, die unsere nackten Gedanken bedecken. Wie gerne würde ich noch einmal neben dir träumen! Ich träumte wunderbar wirr, neben dir. Träume, in denen mir in einer Pizzeria erklärt schlüssig erklärt wird, dass sich alle zwischenmenschlichen Probleme mit einer Freundschaftsanfrage bei Facebook lösen lassen.

Wirst du dich erinnern, an diese Nacht, in einem Jahr, in zehn Jahren?
Werde ich mich erinnern?
Oder wird diese Begegnung, diese seltene Planetenkonstellation im elenden Erinnerungsbrei meiner persönlichen Geschichte untergehen? Ich weiß kaum noch, was ich vor zehn Jahren gemacht habe. Lange wird es nicht mehr dauern, und ich kann es nachlesen. Das gibt mir Hoffnung. Wenn ich alles aufschreibe, meine Gedanken, Träume, Wünsche und Sehnsüchte in die große Wolke schicke, werden sie nie verloren gehen.

In diesen von Wolken verhangenen Nächten kommt die Sehnsucht durch das gekippte Fenster und schläft mit mir in Löffelchenstellung. Ich kann meinen Gedanken nicht mehr zuhören, stehe auf, wandere durch das Zimmer, stelle mich die Kälte der Nacht. Auch das hilft nicht. Irgendwo in dieser Stadt läuft ein Dachs herum, der die Menschen erschreckt. So entstehen unsichtbare Verbindungen zwischen ihnen, so lange die Wolken dafür sorgen, dass ihre Gedanken nicht über die Stadt fliegen können. Inversionswetterlagen und ihr Einfluss auf das Gefühlsleben junger Großstädter_innen.

Auf dem Fensterbrett steht das Avocadobäumchen, auf dem Balkon wächst alles wie verrückt, aber nichts von alldem tröstet über meine Einsamkeit hinweg. Das liegt einfach daran, dass Ruth nicht mehr auf meinem Fensterbrett sitzt und raucht. Und das nie wieder tun wird. Es gibt keinen Ersatz für das Nichts.

Ich sehne mich nach Nähe, obwohl ich weiß, dass ich nicht gut schlafe, wenn eine Person neben mir liegt. Ich will mich an jemanden kuscheln, obwohl ich so niemals einschlafen kann. Und mich ärgern würde, dass ich mein Hörbuch nicht hören könnte. Ich sehne mich nach dem Unmöglichen, dem Vergangenem, dem Niegewesenen.

Am Morgen ist der Himmel wieder klar. Ich setze mich im Lotossitz auf den Balkon und meditiere der Sonne entgegen, Zigarette in der linken, Kaffee in der rechten Hand.

eiskaltes Bett.


Brutale Träume, die mich morgens mit weit aufgerissenen Augen aus einem eiskalten Bett aufstehen lassen. Mit zitterigen Händen koche ich mir Kaffee, den ich im ersten Sonnenschein des Jahres auf dem Balkon trinke. Der Wind weht durch die Krone der Kiefer im Innenhof und für einen kurzen Moment wähne ich mich am Meer. Das Blau des Himmels, für das es kein passendes Wort gibt, um es zu beschreiben. Und die Sonne, die mich fast verblendet. Fast rieche ich das Meer in der Ferne, statt der Donau. Melancholisch denke ich an Belgien, das, wie Pommern in dem Kinderlied, abgebrannt ist. Nur noch öde, verkohlte Landstriche, die nicht einmal zur Wüste taugen.

Ich bin auf einer Demonstration. Vielleicht ist es auch der kommende Aufstand, von dem man immer wieder hört. Ich stehe am Rand, auf der obersten von ein paar flachen Stufen, die zu einem Platz führen, auf dem ein weißes Hochhaus steht. Ein älterer Mann lächelt, winkt mich zu sich und begrüßt mich mit meinem Vornamen, auf Luxemburgisch. Ich kenne ihn nicht. Aus dem, was er sagt, lässt sich erkennen, dass er wohl einen früheren Lehrer von mir ist. Ich erkenne ihn nicht wieder, denke, dass er unglaublich gealtert sein muss in den paar Jahren. Er weiß offenbar, dass ich rauche (obwohl ich eigentlich ja überhaupt nicht …) und bietet mir Zigaretten, Parisiennes, an. Er grinst mich mit seinem unbekannten Gesicht an und wünscht mir Alles Gute.

Die Polizei will die Demo abriegeln. Ich will dabei sein, hetze die Stufe herunter, springe hinter das Absperrgitter, kurz bevor es geschlossen wird. Ich verstehe mich selbst nicht, aber das Ziel der Demonstration scheint mir wichtig zu sein. Ich vermute kurzzeitig, dass es wieder einmal gegen einen Ball in der Hofburg geht, vielleicht gegen den BOKU-Ball.
Wenig später finde ich mich mit einem Mädchen eingekreist von der Polizei. Ein Polizist schießt immer wieder Tränengasgranaten in unsere Richtung, trifft jedoch nie. Einmal landet die Granate, kreisrund und schwarz, vor meinen Füßen. Ich hebe sie auf und werfe sie in Richtung des Polizisten. Ich erkläre mir selbst, dass das äußerst gefährlich sei, sowas zu tun.
Durch die Papierkulisse, himmelblau, springt ein Fuchs. Ich streichele ihn, ziehe neckisch seinen Kopf nach oben und flehe ihn an, „chaos reigns!“ zu sagen. Irgendwer kommentiert, dass zwar in jedem Film von von Trier ein Fuchs vorkomme, aber dieser Spruch halt nicht immer.

Ich bin in einem Schloss. Wir beraten uns. Und stellen fest, dass die Situation untragbar ist und der einzige Ausweg ist, jemanden der anderen zu erschießen. Ich habe eine Waffe, jemand hat sie mir gegeben, weil ich ihn darum gebeten habe. In dem Raum, der ein wenig wie ein Hörsaal wirkt, warte ich auf eine Gelegenheit, um sie zu erschießen. Sie sieht mich an und ich weiß, dass ich ihr die Patrone in die Augen jagen muss. Sie sieht aus wie eine Mischung vieler weiblicher Personen mit roten Haaren, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und k., merkwürdigerweise. Ich drücke ab, aber es kommen nur Metallspäne aus dem Lauf. Sie muss blinzeln, funkelt mich böse an. Draußen, es ist ein Sommertag, muss ich mich auf die kleine Mauer stützen. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Mechanisch führe ich ein neues Magazin ein, ich habe drei davon in meiner Jackentasche, warum auch immer. Ich verstehe mich selbst nicht. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Niemand spricht mit mir, alle entfernen sich von mir.

Ich grabsche nach nackten Brüsten, die Frau, der sie gehören, erkenne ich nicht, wahrscheinlich ist sie unbekannt. Ich fühle mich brutal und schuldig.


photo Rolling Barren Land, near Karakul, Xinjiang : Kevin Cure / CC BY 2.0
photo riot police : Chris Huggins / CC BY 2.0

Feuer machen.

Schlafende Menschen im Park

Nach dem Aufwachen bleiben die zögerlichen Reste des Traums in meinem Kopf, wie zerrissene schlafgraue Fetzen liegen sie im Zimmer, nass noch vom Schnee der langsam auf dem Balkon taut und dann wieder gefriert.
Es gibt da eine Stelle unter meinem Ohr, wenn ich dort geküsst werde, schaltet sich meine Ratio aus und ich bin nur noch Instinkt. Kaum jemand weiß davon. Geschweige denn, wo genau diese eine Stelle ist. Im Traum heiße Küsse, dann Bewegungen der Zunge genau an diesem einen Punkt.

Wer war das? Ich grübele darüber nach, versuche mich zu entsinnen, den Film, der da in der Nacht gelaufen ist, zurückzuspulen. In meinem Kopf nur Leere und diese eine Szene, Berührungen und Küsse einer Unbekannten.

Dafür andere Bilder, die da auch waren. Eine Art Seminar in einem Pfadfinder_innenlager. Zumindest draußen, in der Natur. Oder das, war wir für die Natur halten, denn Wildnis gibt es kaum noch und dort wo es sie gibt ist sie, bis auf Pinguine, recht unspektakulär bis langweilig. Wir bauen eine Soundanlage aus einfachsten Mitteln, wie sie auch schon die alten Kelten hatten, wenn sie sich mit billigem Met aus dem Supermarkt betrunken haben. Außerdem soll ich Feuer machen, indem ich einen verdorrten Baum-Sprössling anzünde. Immer wieder wird mir erklärt, wie das geht, aber ich kriege es immer nur halb richtig hin. Der Busch brennt, aber nicht so, wie er soll. Der Koch nimmt mir die Pflanze weg, es ist eh noch hell, wir brauchen jetzt kein Feuer.

Irgendwann denke ich: Es muss Ruth gewesen sein, die mich unter dem Ohr geküsst hat. Ruth, die Cousine von Wilhelm Conrad, die mich durchschaut hat.
„Vielleicht war es auch …“
Ich wage es nicht, diesen Satz zu Ende zu denken.

Einzug

Umzug heißt auch immer Einziehen.
Ein großer, leerer Raum, nur gefüllt mit Kisten und Tüten, in denen deine wenigen Halbseligkeiten stecken. Dazu ein paar Möbel, die du in mühevoller Klein- und Überzeugungsarbeit an dich gerissen hast. Noch steht da das alte, ungemütliche Bett, noch steht alles Kreuz und Quer, als sei dieser neue Raum ein Lager und kein Zimmer.

Auftritt: der Baron von LuxemburgAuftritt: der Baron von Luxemburg (3. v. l.)

Erschöpft baust du den Computer zusammen, checkst deine Emails, twitter, facebook, Nachrichten. Nichts bedeutendes.
Nichts bedeutendes bedeutet auch: Keine schlechten Nachrichten. k. geht es gut, das war wichtig, zu wissen.
Die erste Nacht in der neuen Wohnung ist wichtig. Besser gesagt: die Träume in der ersten Nacht sind wichtig. Du bewegst dich mit den Worten von Max Frisch zum Schlafen. Ärgerst dich, bevor dir die Augen zufallen, ein wenig über die Misogynie in Homo faber.

Schnitt. An deine Träume kannst du dich nicht mehr erinnern. Du bist dir jedoch sicher, dass du welche gehabt hast. Nicht, weil du weißt, dass „man immer träumt, sich nur nicht immer daran erinnert“, sondern weil du weißt, dass du dich daran erinnert hast, für einen kurzen Moment. Wahrscheinlich vergisst du viel zu oft, die Träume kurz nach dem Aufwachen zu fixieren, wie bei der Entwicklung von Fotos. Geschäftig scheinen sie dir gewesen zu sein. Wahrscheinlich kann das wieder alles oder nichts heißen. Gerne würdest du mal träumen, du würdest träumen.

Schnitt. Ein Ausflug an das Ende von Wien, irgendwo in der Pampa ein Lattenrost und eine Matratze kaufen. Das läuft alles viel zu glatt, so dass ihr entscheidet, auch noch mindestens eine Badematte und Bettwäsche zu kaufen. Sogar die Zahlung mit Karte funktioniert, obwohl der Kreditrahmen eigentlich längst gesprengt sein sollte. Das grün der Karte steht wohl doch nicht für „jugendlich“, sondern für „Smaragd“. Als könntest du die Karte ziehen, laut mit einem übertriebenem groß-kaiserlich-pikiertem-österreichischen Akzent „ICH BIN DER BARON VON LUXEMBURG“ rufen und all deine Probleme lösten sich in Luft auf!
(Akzeptieren wir für einen kleinen Moment, dass es für Außenstehende zumindest manchmal so aussehen muss. Obwohl das leben weitaus komplizierter ist. So gibt es zum Beispiel überhaupt keinen Baron von …)

Schnitt. Ein riesiger Topf Kürbisrisotto. Viel zu viel für drei Personen, sogar für die vier, die schlussendlich davon essen. Letzten Endes isst man nur noch, weil es gut schmeckt, obwohl man eigentlich überhaupt keinen Hunger mehr hat. Gemütliches Zusammensitzen. Der Raum ist so weit eingerichtet. Es hängen sogar einige dekorative Elemente an der Wand. Du freust dich. Die Schränke in der Küche sind voll mit Tee.

Aus dem leeren Raum ist ein Zimmer geworden. Mit Balkon. Will noch jemand etwas Risotto?

Zugfahrt.

Entgleister, alter Zug

Mit einem Rucksack in einem sehr großen, langem Zug. Auf der Reise, offenbar. Ich weiß nicht mehr genau, mit wem, aber ich kannte nicht alle Leute der Gruppe. In einem bestimmten Wagen gibt es einen Friseursalon, und da sollten wir hin, nachdem wir die Rucksäcke offenbar irgendwo verstaut hatten.
„Ein Friseursalon in einem Zug, was für eine verrückte Sache!“, dachte ich, wagte es aber nicht, es laut auszusprechen. Denn der Friseursalon sah überhaupt nicht so aus wie ein Friseursalon, sondern eher so, als hätten Hippies einen komplett leeren Eisenbahnwagon eingerichtet. Holzboden, Sitzkissen, bunte Tücher.

Wir setzten uns, beim Hinsetzen fiel mir an meiner Umhängetasche ein Button auf. „A&S“ steht drauf, aber es war kein gewöhnlicher „Angscht a Schrecken zu Lëtzebuerg“-Button. Es war größer und als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass die Abkürzung für „Awe and …“ stand. Versuchte da jemand, mich zu diskreditieren, war das ein Angriff auf mich oder nur ein merkwürdiger Zufall, so wie damals, als die Buffy-Musical-CD in meinem Rucksack landete?

Ich blätterte in einem Buch. Ein englischer Text beschrieb meine Geschichte. Die Kamera fuhr nach oben, über den Zug, in die grauweißen Schäfchenwolken, eine Hexe wird sichtbar. Sie thronte über allem, wie einst Saruman über Isengard. Aus ihrer magischen Feste hoch oben auf einem schneebedeckten Berg beobachtete und verwünschte sie mich. Sie schickte gefährliche Artefakte, um mich zu kontrollieren oder gar zu töten. War dieser merkwürdige Button eins dieser Artefakte?

Plötzlich stand ich I. gegenüber. Sie wirkte erfreut, mich zu sehen, lächelte, stand auf um mich zu begrüßen und küsste mich auf den Mund. Ich setzte mich verwirrt auf eins der großen lila Sitzkissen.

In einem anderen Zug werde ich halbnackt beim Sex erwischt und zur Strafe mit schaumigen Sperma eingerieben. Die Frau neben mir muss Ruth sein, denn ich erkenne sie nicht.

Falsche Station

Buenos Aires Subway for Electric Line

Ich befand mich in einem merkwürdigen Dorf. Vielleicht eine Filmkulisse aus starker Pappe oder so was. Die Häuser sahen südamerikanisch aus, aus Lehm, mit Flachdächern in denen die Balken zu erkennen waren. Irgendein Workshop fand statt, vielleicht das Hackercamp oder so was. Mich langweilte das Ganze und ich begann herum zu wandern, scheinbar auf der Suche nach einem Klo. In meiner Tasche immer noch eine kleine Plastiktütchen mit Marihuana.
Ich nehme an, es handelt sich um das Marihuana, das ich K. vor vielen Nächten bat, aufzutreiben und das er mir in einem Bus auf der Türkenschanze übergab. Wahrscheinlich war es so lange in meiner Hosentasche.

Ich fand kein Klo, sondern mich ziemlich verwirrt an einer Wiener U-Bahnstation wieder. B. ist mit mir hier, allem Anschein nach auch bekifft. Ich starrte auf den Netzplan, der merkwürdigerweise eine Rundlinie aufzeigt, die ich nicht kannte. Die Schienen fahren auch rund um die Station, die mir nicht bekannt vorkommt, an der ich laut ihrem Namen aber schon einmal war. Eine gemeine, gefährliche Falle, die nur sehr eklige, langsame Verbindungen hervorbringt. Ich beschloss, dass es viel zu lange dauern würde, mit der U-Bahn zu fahren, da wir mehrmals umsteigen müssten. Ein paar hundert Meter weiter gäbe es eine Station, an der eine Linie uns sofort nach Hause bringen könnte.

Unterwegs wurde es dunkel. Vor einem Supermarkt begegneten wir einer Gruppe, bestehend aus einer dicken Frau, riesigen Ausmaßes und einer ganzen Schar Pfadfindern, alle in beiger Uniform. Ich murmelte etwas wie „Das sind aber keine einheimischen Pfadfinder!“ in B.s Richtung. Keine Reaktion. Wir fragten nach dem Weg oder wurden nach dem Weg gefragt. Wahrscheinlich wollten die Pfadfinder auch einen Weg wissen, während uns erklärt wird, wir müssten nur die Straße runter gehen. Ich dachte schon wieder nur ans Rauchen, befummelte aufgeregt die kleine Tüte in meiner Hosentasche, konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.
Wien wirkte dreckig und viel zu sehr wie eine Autobahnauffahrt. Ab hier war die Straße wie in wirren Fetzen. Wir hatten uns irgendwo im Osten der Stadt verlaufen und würden nie die gesegnete Station erreichen …

(Foto von hier.)

Fingerkuppe

photo cc by Rob Walker

Ich saß in dieser merkwürdig menschenleeren Kinolobby inmitten von Wien. Mich begleiteten einige Freunde. Ich weiß nicht mehr genau, wer es war und wieso sie mitgekommen waren. Im Nachhinein, im Hinblick auf all das, was danach noch passierte war das auch überhaupt nicht wichtig. Aber wer weiß im Vorhinein schon, was er oder sie im Nachhinein denkt?
Wir saßen auf braunen Ledersesseln und hatten nicht einmal ein alkoholisches Getränk, an dem wir uns festhalten hätten können. Ungeschützt vor der gewaltigen Leere der Kinolobby, die beinahe Platzangst auslöst. Und vor allem wie eine Metapher für unsere Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, wirkt. gehen wir nun rein oder nicht? Hätte ich ein Getränk gehabt, ich hätte noch einen Schluck genommen, meinen Herzschlag beschleunigt und das einsetzende Gefühl der Ethanolvergiftung entscheiden lassen. So aber erkundigte sich mein nüchternes Gewissen nach den aktuellen Leberwerten. „Die aktuellen Leberwerte„, als wäre das ein Teil oder gar der Titel der Fernsehnachrichten.
Der Film schien zu seltsam, um auch nur daran zu denken, sich ihn anzusehen.

Wir befinden uns im dichten Stadtverkehr. Das Auto rast. Jemand verliert seine Fingerkuppe. Schnell wird nach etwas Kaltem gesucht, man muss alle verlorenen Körperteile immer sofort auf Eis legen. War es mein Finger oder der meiner Mutter? Ist mein Finger nicht in gewisser Weise auch zur Hälfte der meiner Mutter? Zumindest genetisch? Existentialistische Fragen sind gerade Fehl am Platz, wir müssen in ein Krankenhaus. Oder zumindest zu einem Hinterhofarzt, der die Kuppe ohne viele Fragen wieder annäht.

„Der Autohändler hat einen Krankenhausflügel!“, fällt es mir ein und schon sind wir auf dem Weg dorthin. Bei der irrsinnigen Geschwindigkeit habe ich Angst, noch weitere Körperteile zu verlieren, aber das scheint niemanden zu kümmern. Wir stolpern endlose, staubige, weiße Gänge entlang. Verliert eigentlich niemand Blut?

Das Personal, vermutlich in Form einer Krankenschwester, teilt uns mit, dass wir hier nicht erwünscht sind. Sie könnten uns hier nicht helfen. Über die Lautsprecheranlage spielt Three little Birds. Jemand unserer merkwürdigen Reisegruppe summt leise mit, vor allem den Gesangsteil. So wie es Leute oft machen, wenn sie den Text nicht können, sich aber nicht in der Lage fühlen, die Melodie zu summen oder gar zu pfeifen. Das medizinische Problem scheint keins mehr zu sein, als wir den Ausgang erreichen, der einem bestimmten Gebäude meiner Universität erschreckend ähnlich sieht.

Was machte M. hier? Wir umarmen uns, küssen sogar, als würde ich nun in den Krieg ziehen. Ungewohnter Kuss zu gewohnter Umarmung. Gewöhnungsbedürftig. Dabei will ich nur ins Krankenhaus, um die Fingerkuppe meiner Mutter wieder an zu nähen. Und das wird wohl kaum einige Jahre in Kriegsgefangenschaft bedeuten. Wobei, in diesen Zeiten …

Ich muss noch aufs Klo, und als ich mir die Hände wasche, reicht mir jemand (mein Vater?) ein unsichtbares iPad. Er besteht darauf, dass ich sofort ausprobiere. Ich versuche, das teure Gerät von dem Wasserstrahl, der nur so aus dem Hahn sprudelt, fern zu halten. Das ist aber gar nicht so einfach, denn ich sehe es ja nicht. Vermutlich ist es so beschichtet, dass es das aushält. Sinn macht das Ganze keinen.

Spaß auch nicht, so ganz ohne Fingerkuppe.

Montréal, revisited

photo cc by abdallahh

Ich schlage die Augen auf. Montréal. Wieso auch nicht, immerhin habe ich noch einige dieser winzigen U-Bahntickets, mehr Papierschnipsel als ernst zunehmende Fahrkarte.
Irgendjemand hat mich in der Natur rund um die Stadt ausgesetzt. Arschloch. Auf der Karte sehe ich ganz genau, wo ich mich befinde. Und wenn ich aufschaue, ist es ein lichter Wald. Vor allem Nadelbäume. War klar, wir sind ja schließlich im hohen Norden. Muss so sein, denke ich mir und wundere mich gar nicht darüber, dass mich irgendwer, einfach irgendwo in der Gegend ausgesetzt hat. In meiner Tasche nur dieses Ticket.
Jetzt könnte ich eine Landkarte brauchen. Egal was für eine, sie könnte ruhig auch erfunden sein. Alles ist besser als die Wildnis vor Montréal. Wahrscheinlich werde ich bald an eins dieser Betonungetümer, die sie Autobahn nennen, stoßen. Riesig und rostig wird sie vor mir aufragen, wie die Pfeiler einer Alptraum gewordenen Achterbahn. Über einen Fluß wird sie führen, von dem die Kanadier sagen, es sei einer der kleineren Flüße ihres Landes. Und ich hielt ihn für ein Meer.

Eine Gruppe von Wandern, in neonfarbene Gewänder gehüllt, geschützt vor dem sauren Regen der 1990er Jahre, der sogar Gold auflöste. Sie lachen und erklären mir, sie würden den Weg auch nicht wissen. Und sie haben nicht einmal kanadische Bonbons dabei. Wahrscheinlich sind das die Leute, die die Ureinwohner mit geschmuggelten Zigaretten belieferen, die diese dann in Wohnwägen entlang der Autobahn verkaufen. „C‘est tout de la contrabande!“ Oder so ähnlich. Ich verstehe kaum ein Wort, denn das Französisch, was diese Menschen reden, ist so merkwürdig, dass der Marseiller Dialekt wie aus dem Mund eines Mitglieds der Académie française klingt.
Ich stolpere also weiter durch den Wald und hoffe, keinem sprechenden Fuchs zu begegnen, denn genau das wäre jetzt das, was ich nicht mehr aushalten würde.

Zum Glück stolpere ich aus dem Wald auf eine Straße. Ein Schulkamerad fährt mit einem VW Bus, bunt bemalt mit Flammen, vor und nimmt mich mit. Wieso gerade er, der immer nur Hohn und Spott für Hippies übrig hatte, so einen Bus fährt, wage ich nicht zu fragen. Wir sind hier auf dem nordamerikanischen Subkontinent. Unbequeme Fragen sind hier nicht so angebracht wie in Kontinentaleuropa. Er fragt mich, ob es in Montréal legal sei, Gras zu rauchen. Ich antworte wahrheitsgemäß, ich würde es nicht wissen, aber wenn wir ein wenig durch die Stadt fahren würden, ließe sich sicher ein Coffeeshop finden. Er grinst mich mit seinem breitesten Sonnenbrillengrinsen an und meint: „Klar, ist ja eine kleine Stadt, da geht das schnell!“

Ich sehe nach draußen. Montréal, das eher so aussieht, wie ich mir Los Angeles immer vorstelle, ist eigentlich gar nicht so klein.

Tumor

Ich habe einen Tumor in meinem Kopf.
Zumindest einen metaphorischen.
Es ist eine nette Metapher für jemanden, der nicht zugeben will, dass er Gefühle hat, die eventuell zu noch mehr Gefühlen (negativ oder positiv) leiten können. Auf dem Display des kalten, gefühlslosen human typewriter immer nur ERROR! ERROR! ERROR!

Ich träume seit zwei Nächten den gleichen Traum. Ich sitze immer in einer Bar irgendwo im Norden des Landes, mehr eine Hütte als wirklich ein Haus. Und sie hat auch immer irgendwie damit zu tun. Ihre Rolle ist diffus. Heute Nacht hat sie mir einen Marijuanatee serviert. Mit Teebeutel. Alle drei Minuten unterbricht mich mein Wecker, ich schwöre mir, die nächsten drei Minuten von was anderem zu träumen, wie ich vor 2 Millionen Menschen als Präsident der Erde vereidigt werde oder den Ehrenoskar für mein Lebenswerk entgegennehme. Ich sehe all diese Bilder vor meinem geistigen Auge, aber sobald ich mein Unterbewusstsein für einen Augenblick walten lasse, bin ich wieder im hohen Norden in dieser gottverdammten Hütte.

Nach dem Aufwachen wirken die psychoaktiven Substanzen des Tees, den ich im Traum trank, weiter. Bei manchen Bewegungen fühlt mich mein Kopf leicht an, meine Haut, besonders die rechte Handfläche, kribbelt wie verrückt und ich fühle mich wie auf einer sehr merkwürdigen Droge. Und während ich mich mit Geobasierten Informationssystemen beschäftige, schweben kleine Datenpakete à  1.120 Bit von E. nach D. und wieder zurück. Von E. nach D., von E. nach D., der Liebe wegen, der Liebe wegen, der Liebe wegen…
Der Tumor in meinem Kopf schüttet Hormone aus und spielt mit meinem biochemischen Gleichgewicht.

Du stehst neben dir, weißt nicht einmal mehr was du schreiben sollst, obwohl vorhin in deinem Kopf alles ganz klar war. Äußerliche Reize nimmst du kaum noch wahr. Du stößt Luft aus, als wärst du erschöpft oder als mache dir die Kälte zu schaffen, aber es ist nichts von alledem. Nicht der Schneeregen, nicht deine Müdigkeit, gar nichts außer dem Tumor in deinem Kopf, der alle Gehirnfunktionen übernommen hat, beschäftigt dich. Dein Äußeres ist nach Innen gekehrt.

Und dann denkst du, du möchtest es herausschreien, es ihr sagen, aber nein:
Ich werde streng nach Plan verfahren!
„Was für ein verfickter Plan denn?“, denkst du und weißt auch nicht weiter.
Denn dann wäre es vielleicht endlich raus und du könntest zu einem Arzt gehen und dir diesen Tumor aus dem Schädel kratzen lassen.
Eine andere Stimme meint, ein Gefühlschaos sei nur die logische Weiterführung aller bisherigen Trips. Und als solcher zu genießen und sich hemmungslos reinzustürzen. Biochemie macht Drogen überflüssig.

Denken ist, wie Widerstand, zwecklos.
Comply?