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flüssig

Akute Gehirnverflüssigung. Der Tumor hat es aufgelöst. Die einzige Hoffnung liegt jetzt in der Möglichkeit, eine heiße Stricknadel in den Schädel zu bohren und durch gezielte Stromstöße die Trocknung der Masse anzuregen. Ansonsten wird sich die rosagraue Substanz in den Lymphknoten absetzen und Insekten anlocken, die sich unter die Haut der Handflächen setzen und dort Eier ablegen.

Wirre Fieberträume in der Schneenacht, wie Horrorfilme, die dir jemand direkt auf die Netzhaut projektiert. Dein Körper ist nicht für solche Anstrengungen ausgelegt. Der Gedanke, nicht fähig zu sein, war also gar nicht so falsch, obwohl der Wahlspruch „Never love again“ Blödsinn war. So scheint es auf jeden Fall.

Wie ein Zombie schlurfst du durch die Stadt. Deine Sinne wurden ausgetauscht. Dicke Insektenfühler anstatt menschlicher Augen/Ohren/Haut. Du bemerkst nicht mal den Schnee, empfängst dafür aber seltsame Signale, aber du bist nicht fähig, die Nachrichten zu entschlüsseln.
Was bedeutet all dies?

Das Pendel hat all seine Kraft verloren.
Vielleicht möchtest du zurück an den Strand der See der Verzweiflung, um in dem orangenfarbenen Wasser zu ertrinken?
Vielleicht hat dies alles keinen Sinn?
Vielleicht reagiert alles in dir auf Phantomschmerzen?

An eine Zeppelinreise ist momentan kaum zu denken.
Du wirst trotzdem einen Versuch wagen.

Tumor

Ich habe einen Tumor in meinem Kopf.
Zumindest einen metaphorischen.
Es ist eine nette Metapher für jemanden, der nicht zugeben will, dass er Gefühle hat, die eventuell zu noch mehr Gefühlen (negativ oder positiv) leiten können. Auf dem Display des kalten, gefühlslosen human typewriter immer nur ERROR! ERROR! ERROR!

Ich träume seit zwei Nächten den gleichen Traum. Ich sitze immer in einer Bar irgendwo im Norden des Landes, mehr eine Hütte als wirklich ein Haus. Und sie hat auch immer irgendwie damit zu tun. Ihre Rolle ist diffus. Heute Nacht hat sie mir einen Marijuanatee serviert. Mit Teebeutel. Alle drei Minuten unterbricht mich mein Wecker, ich schwöre mir, die nächsten drei Minuten von was anderem zu träumen, wie ich vor 2 Millionen Menschen als Präsident der Erde vereidigt werde oder den Ehrenoskar für mein Lebenswerk entgegennehme. Ich sehe all diese Bilder vor meinem geistigen Auge, aber sobald ich mein Unterbewusstsein für einen Augenblick walten lasse, bin ich wieder im hohen Norden in dieser gottverdammten Hütte.

Nach dem Aufwachen wirken die psychoaktiven Substanzen des Tees, den ich im Traum trank, weiter. Bei manchen Bewegungen fühlt mich mein Kopf leicht an, meine Haut, besonders die rechte Handfläche, kribbelt wie verrückt und ich fühle mich wie auf einer sehr merkwürdigen Droge. Und während ich mich mit Geobasierten Informationssystemen beschäftige, schweben kleine Datenpakete à  1.120 Bit von E. nach D. und wieder zurück. Von E. nach D., von E. nach D., der Liebe wegen, der Liebe wegen, der Liebe wegen…
Der Tumor in meinem Kopf schüttet Hormone aus und spielt mit meinem biochemischen Gleichgewicht.

Du stehst neben dir, weißt nicht einmal mehr was du schreiben sollst, obwohl vorhin in deinem Kopf alles ganz klar war. Äußerliche Reize nimmst du kaum noch wahr. Du stößt Luft aus, als wärst du erschöpft oder als mache dir die Kälte zu schaffen, aber es ist nichts von alledem. Nicht der Schneeregen, nicht deine Müdigkeit, gar nichts außer dem Tumor in deinem Kopf, der alle Gehirnfunktionen übernommen hat, beschäftigt dich. Dein Äußeres ist nach Innen gekehrt.

Und dann denkst du, du möchtest es herausschreien, es ihr sagen, aber nein:
Ich werde streng nach Plan verfahren!
„Was für ein verfickter Plan denn?“, denkst du und weißt auch nicht weiter.
Denn dann wäre es vielleicht endlich raus und du könntest zu einem Arzt gehen und dir diesen Tumor aus dem Schädel kratzen lassen.
Eine andere Stimme meint, ein Gefühlschaos sei nur die logische Weiterführung aller bisherigen Trips. Und als solcher zu genießen und sich hemmungslos reinzustürzen. Biochemie macht Drogen überflüssig.

Denken ist, wie Widerstand, zwecklos.
Comply?