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Auszug

Umziehen bedeutet auch immer Ausziehen. Ausziehen bedeutet auch immer viele letzte Male.
Das letzte Mal aus dem Fenster gelehnt Musik hören und die Stadt anschauen, wie sie an dir vorbeizieht, Autos vorbei rasen, Menschen unter einem gehen und dabei Musik voller Schmerz und Schwere hören, weil du dich selbst so anfühlst, so voller emotionalen Blei, dass deine Glieder schmerzen. Wobei das auch vom Kistenschleppen kommen kann.
Das letzte Mal alles so sehen, wie es zusammen gehört, in Regalen und auf Oberflächen, aufgebaut und ordentlich hingestellt.
Das letzte Mal den kleinen Haufen Besitztümer sehen, der dein Leben ausmacht. (ben_ wäre stolz auf mich!)
Das letzte Mal in den Raum treten und ihn putzen.

ein leerer Raum

Der Raum, der knapp ein Jahr mein Raum war, in dem ich so viele wunderbare Dinge getan und erlebt habe, ist nun leer und hallt bei jedem Schritt. Er wirkt so fremd ohne Möbel, die Wände so viel zu weiß ohne das einzige Poster an der Wand. Ich putze und kontempliere über all jene Erinnerungen, die mit dem Raum zusammen hängen. Er war gut zu mir. Ich mochte die Lage an der großen Straße, auch wenn die die großen Straßenlampen, die über ihr hingen und in mein Zimmer hinein schienen, nicht mochte. Und der Lärm der Straße, war halt Straßenlärm einer stark befahrenen Straße.
Ich bin müde vom Ausziehen und hier, wo ich einst zu Hause war, wo es sich noch natürlich anfühlt, zur Tür hinein zu kommen ist jetzt alles kalt und leer. Fast so wie damals, an jenem verhängnisvollen Oktobernachmittag, als ich eingezogen bin. Damals hat es geschneit. Jetzt fühlt sich die Herbstkälte schon nach beißend nach Winter an. Am Fensterbrett muss ich kurz an k. denken, die es liebte, dort zu sitzen und zu rauchen. Überhaupt, k. und meine Geschichte hat viel mit diesem Raum, nun leer, zu tun. Was würde Ruth wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ich ausziehe? Ausgezogen bin. Vielleicht wäre es ihr egal, so wie ihr immer alles egal ist, wenn sie mich nur „haben“ kann. (Niemand kann mich haben, ich bin meins ganz allein.)

Fast will ich nicht gehen, will nicht fertig werden mit staubsaugen, um länger hier bleiben zu können, diesen Ort für einen weiteren Moment besetzen, ein magisches X auf meine innere Landkarte zu zeichnen. Fast möchte ich mich auf den nackten, nun sauberen Boden setzen und alles, was während diesem Jahr in den Raum passierte, nachzeichnen. Da stand mein provisorischer Schreibtisch aus zwei Ikea-Beistelltischen, da das schreckliche Klappbett, dort habe ich mir unzählige Serien angesehen, dort Texte geschrieben und Zwerge angeführt, dort Sex gehabt und dort habe ich mit L. und B. herrumgealbert. Und hier ist meine Teekanne, die genau eine Woche in Wien überlebt hat, zu Bruch gegangen. Als ob ich mir dieses Jahr in Ultra-Zeitraffer ansehen würde.

Zum Glück heißt Umzug auch immer Einziehen.

Auf dem Weg raus, das letzte Mal durch den schönen, grünen Innenhof, begegnet mir ein Dachs, Lieblingstier meiner Kindheit. Ein Dachs, mitten in Wien.

Photo: CC-BY
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