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Meeresbiologie

Ich stand vor diesem Meeresbiologen und fragte mich, während er mich herzlich, fast schon zu freundlich begrüßte, was ich hier eigentlich tat. Aus einer Bierlaune heraus hatte ich beschlossen, doch mal einen Meeresbiologen zu interviewen.
Das Bier vom Vortag war mir auch noch sehr präsent, als ich umständlich in meiner Tasche nach Mikrofon, Ständer und Aufnahmegerät fischte und jedes Teil umständlich aus den Schutzhüllen fummelte. Ich spürte eine Schwere in all meinen Gliedern, während mein Magen sich anfühlte, als würde das Bier der Vornacht dort die Oktoberrevolution nachspielen.

Schweinswale

Der Mann gegenüber von mir war sichtlich ausgeruhter als ich. Sein Händedruck war fest, seine Augen klar, während ich mich nur darüber freuen konnte, dass ich nicht zu Kopfschmerzen neigte.

„Herr Schwein…“, wollte ich beginnen, als er mich schon unterbrach:
„Es heißt Professor Schweint.“

Seine Stimme klang belehrend, aber nicht wütend. Mir wurde noch mal klarer, dass ich überhaupt nicht wusste, wieso ich nach einigen Bieren beschlossen hatte, heute einen Walforscher mit einem Mikrofon zu traktieren. Vor allen Dingen hatte ich keine Ahnung, was ich den guten Professor Schweint fragen sollte. Die Nacht war mehr als nebulös – ein Wunder schon, dass ich jetzt überhaupt hier saß und mich – mit Mühe und Not zwar, aber immerhin – gerade halten konnte.

„Professor Schweint, sie sind also Walforscher. Können sie unseren Hörern etwas über die Situation der Wale erzählen?“
„Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Schweinswalen, davon soll es in deutschen Gewässern mehr als 6000 geben, 600 allein hier in Mecklenburg-Vorpommern.“

Ich musste grinsen ob der Namensgleichheit von Professor Schweint und seinen Forschungstieren, konzentrierte mich dann aber wieder auf die nächste Frage:
„Gibt es auch noch andere Wale in Deutschland? So Killerwale oder sowas?“

An seinem Blick sah ich, dass er „Free Willy“ nicht so toll gefunden hatte. Trotzdem war seine Antwort ruhig, vielleicht ein Hauch von Gereiztheit in der Stimme:

„Im Sommer war vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ein ungleich größerer Buckelwal aufgetaucht. Das war für uns alle ein sehr interessanter und schöner Moment, dieses Tier zu untersuchen!“

Er kramte in seinen Unterlagen und zeigte mir ein Bild auf dem ziemlich viel rotes Fleisch oder Gewebe zu sehen war. Ich weiß bis heute nicht, was es genau war. Wahrscheinlich hatten sie dem armen Tier einen Kamera in den Anus geschoben.

In meinem Magen war gerade der Zar enthauptet worden.

Ich rülpste eine Entschuldigung, griff nach Mikro und Aufnahmegerät und stürzte aus Schweints Büro, Richtung Klo.
Das Gebäude verließ ich schnellen Schrittes mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze.

Über Wale habe ich nie wieder etwas gemacht.
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Tränen

Die Luft war erfüllt mit Tränen
eines explodierten Wales
der sein Ende hoch über der Stadt gefunden hatte
während ich drinnen gesessen und Tee getrunken hatte
Es war kalt und ich spürte
es war kein Engel mehr da, der mich beschützte
Allles war totenstill und ohrenbetäubend
Ich lief wie kalt durch die Stadt
die der Nebel verschluckte
Es war kein Engel mehr da, der mich beschützte

Nicht ohne.

Ich kann nicht mehr ohne. Es geht einfach nicht. Ich kann mir ein Leben ohne Schreiben nicht mehr vorstellen. Wenn ich beide Hände verlieren würde, das wäre so schrecklich, da könnte ich auch gleich meine Lungen verlieren.
Ich habe heute erfahren, dass ich als Embryo einmal Kiemen hatte. Wie übrigens ein jeder von uns. Das ist eine wundervolle Information. In meinem früheren Leben war ich ein Fisch, heute bin ich ein Wal. Wir sind Wale im Ozean des Belanglosen.
Und wenn ich heute aufschreibe, wie es mir geht, dann tue ich dies, weil ich irgendwann wieder diesen Eintrag lesen werde und mich errinneren kann, dass der 7. Dezember 2006 ein völlig verregneter Tag in dem viel zu warmen Dezember 2006 war.

Nehme ich meine Umwelt so war, wie ich könnte? Lebe ich mit all meinen Sinnen? Was ist der letzte Geschmack in meinem Mund, an den ich mich erinnere? Der letzte Duft in meiner Nase? Das letzte Bild, das ich wirklich betrachtet habe? Das letzte Lied, das ich nicht nur zur Berieselung gehört habe?
Wenn ich den Regen so betrachte, könnte ich alles andere einfach vergessen.