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analog adventures

Belichtungsreihe
Das ist eine Belichtungsreihe. Um abzuschätzen, welche Belichtungszeit für das Bild wohl am Besten wäre.
Ich bin in der glücklichen Lage, Zugang zu einer gut ausgestatteten Dunkelkammer zu haben. Eine analoge Kamera hab ich nicht. Auf dem Türkenschanzparkfestival, das eigentlich nicht für die geschätzten 15 – 20.000 Besucher_innen ausgelegt war, drückte mir Pamina ihre analoge Kamera in die Hand. Analoger Film macht extrem vorsichtig. Ich habe sehr oft nicht ausgelöst, wenn ich mir nicht sicher war, ob Motiv, Lichtverhältnisse, Bildausschnitt und Stimmung passen würden. Und nicht alle Experimente sind gelungen. Lustigerweise sind dann auch die meisten Fotos nicht beim Festival selbst, sondern bei den Aufräumarbeiten entstanden, was die müden Gesichter erklärt.

Das Entwickeln macht unglaublich Spaß, wobei noch nicht alle Fotos so perfekt sind, wie sie werden könnten. Leider ist meine Zeit gerade knapp bemessen, aber bald sind ja Ferien, da lässt sich sicher so einiges machen. Mehr Fotos. Und auch mal den Film selbst und nicht nur die Negative entwickeln.
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Blauer Sonntag

Und wenn es nur das Gefühl war, dass ich vermisste? Vermisse.

Vermisse, während ich durch den Augarten laufe. Der Augarten mit seinen Kastanienalleen, gerade angeordnet, Grünfläche, Kiesweg, Grünfläche, Kiesweg, Grünfläche, Kiesweg. Und trotzdem kommen die Hippies mit ihren Hängematten und Slacklines daher. Und feiern Kindergeburtstage. Drei Kindergeburtstage zähle ich, während ich unter den schattigen Kastanien schlendere. Und denke laut, dass das wohl eine gute Metapher für Wien sei. Diese Gegensätze. Das Wegenetz aus dem Geometrielehrbuch, die Hippies und Kindergeburtstage und die großen Flaktürme aus braunem Nazibeton.

An diesem schönen blauen Sonntag bin ich mir sicher, dass ich nur ein Gefühl vermisse. Es ist doch fast egal, neben wem du aufwachst, so lange du dich wohl fühlst. Geborgenheit lässt sich leicht reproduzieren. Peer-to-Peer, sozusagen.

Ob Gefühl oder Mensch: Was bleibt, ist das vermissen.
Am Abend platzt die Bombe und ich fürchte kurz, mich in den Schlaf weinen zu müssen.

photo cc by fortysix_vie

Wind

Ich blicke in den Spiegel und sehe mir selbst in die Augen. Seit ein paar Wochen mag ich meine Augen. Ich weiß nicht, ob es sonst einen Menschen gibt, der mir in die Augen sieht und sich denkt: „Das sind schöne Augen!“, aber ich tue es. Wenigstens einer. Die Haare gefallen mir nicht mehr. Anders sollen sie. Da anders nicht so hinhaut, wie ich mir das vorgestellt hatte, kommen sie ganz ab. Kahlschlag, wie Anno 2008.

Während dem Schneiden habe ich Stöpsel in den Ohren, weil die Haarschneidemaschine so unglaublich laut ist. So höre ich nur, wie das Metall an meinen Schädel stößt. Ich kann nicht genau ausmachen, ob ich die Vibrationen mehr spüre oder mehr hören. Letzten Endes ist es das Gleiche, die Biologie bietet uns keine Hilfe.

Ich spüre den Wind um meinen Kopf wehen. Von unten weht der Wind hoch, an den steilen, verzierten Häuserwänden der majestätischen Stadt entlang zu den Häusergiebeln bis hoch über die Dächer der Stadt, dort, wo das Zeppelin steht.

Das mächtige Seelenzeppelin rührt sich nicht, trotz des heftigen Windes, der mir um die Ohren weht. Und ich wähne mich am Steuer, im Auge des Sturms. Die Nacht ist lauwarm und ich muss an k. denken. Einen kurzen Moment lang vermisse ich ihre Lippen. Vor meinem geistigen Auge nur postapokalyptische Sperrzone, in dem ein paar japanische Hunde bellen. Solange ich am Steuer stehe, kann mir nichts etwas anhaben, denn dies ist mein Luftschiff.

Die Stadt ist gut zu mir. Ich habe seit Monaten endlich wieder das Gefühl, wirklich zu leben. Vielleicht liegt es an den Haaren, die ab sind, vielleicht liegt es an dem Herzchaos, das begraben ist, vielleicht liegt es tatsächlich auch an der Sonne, die immer öfters kommt, vielleicht liegt es an den Sternen, die ich an unbekannter Stelle erblickte, aber ich habe das Gefühl, dass es mir gut geht. Und gleichzeitig wünsche ich mir endlich mehr Poesie in diesem verficktem Leben.

eiskaltes Bett.


Brutale Träume, die mich morgens mit weit aufgerissenen Augen aus einem eiskalten Bett aufstehen lassen. Mit zitterigen Händen koche ich mir Kaffee, den ich im ersten Sonnenschein des Jahres auf dem Balkon trinke. Der Wind weht durch die Krone der Kiefer im Innenhof und für einen kurzen Moment wähne ich mich am Meer. Das Blau des Himmels, für das es kein passendes Wort gibt, um es zu beschreiben. Und die Sonne, die mich fast verblendet. Fast rieche ich das Meer in der Ferne, statt der Donau. Melancholisch denke ich an Belgien, das, wie Pommern in dem Kinderlied, abgebrannt ist. Nur noch öde, verkohlte Landstriche, die nicht einmal zur Wüste taugen.

Ich bin auf einer Demonstration. Vielleicht ist es auch der kommende Aufstand, von dem man immer wieder hört. Ich stehe am Rand, auf der obersten von ein paar flachen Stufen, die zu einem Platz führen, auf dem ein weißes Hochhaus steht. Ein älterer Mann lächelt, winkt mich zu sich und begrüßt mich mit meinem Vornamen, auf Luxemburgisch. Ich kenne ihn nicht. Aus dem, was er sagt, lässt sich erkennen, dass er wohl einen früheren Lehrer von mir ist. Ich erkenne ihn nicht wieder, denke, dass er unglaublich gealtert sein muss in den paar Jahren. Er weiß offenbar, dass ich rauche (obwohl ich eigentlich ja überhaupt nicht …) und bietet mir Zigaretten, Parisiennes, an. Er grinst mich mit seinem unbekannten Gesicht an und wünscht mir Alles Gute.

Die Polizei will die Demo abriegeln. Ich will dabei sein, hetze die Stufe herunter, springe hinter das Absperrgitter, kurz bevor es geschlossen wird. Ich verstehe mich selbst nicht, aber das Ziel der Demonstration scheint mir wichtig zu sein. Ich vermute kurzzeitig, dass es wieder einmal gegen einen Ball in der Hofburg geht, vielleicht gegen den BOKU-Ball.
Wenig später finde ich mich mit einem Mädchen eingekreist von der Polizei. Ein Polizist schießt immer wieder Tränengasgranaten in unsere Richtung, trifft jedoch nie. Einmal landet die Granate, kreisrund und schwarz, vor meinen Füßen. Ich hebe sie auf und werfe sie in Richtung des Polizisten. Ich erkläre mir selbst, dass das äußerst gefährlich sei, sowas zu tun.
Durch die Papierkulisse, himmelblau, springt ein Fuchs. Ich streichele ihn, ziehe neckisch seinen Kopf nach oben und flehe ihn an, „chaos reigns!“ zu sagen. Irgendwer kommentiert, dass zwar in jedem Film von von Trier ein Fuchs vorkomme, aber dieser Spruch halt nicht immer.

Ich bin in einem Schloss. Wir beraten uns. Und stellen fest, dass die Situation untragbar ist und der einzige Ausweg ist, jemanden der anderen zu erschießen. Ich habe eine Waffe, jemand hat sie mir gegeben, weil ich ihn darum gebeten habe. In dem Raum, der ein wenig wie ein Hörsaal wirkt, warte ich auf eine Gelegenheit, um sie zu erschießen. Sie sieht mich an und ich weiß, dass ich ihr die Patrone in die Augen jagen muss. Sie sieht aus wie eine Mischung vieler weiblicher Personen mit roten Haaren, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und k., merkwürdigerweise. Ich drücke ab, aber es kommen nur Metallspäne aus dem Lauf. Sie muss blinzeln, funkelt mich böse an. Draußen, es ist ein Sommertag, muss ich mich auf die kleine Mauer stützen. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Mechanisch führe ich ein neues Magazin ein, ich habe drei davon in meiner Jackentasche, warum auch immer. Ich verstehe mich selbst nicht. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Niemand spricht mit mir, alle entfernen sich von mir.

Ich grabsche nach nackten Brüsten, die Frau, der sie gehören, erkenne ich nicht, wahrscheinlich ist sie unbekannt. Ich fühle mich brutal und schuldig.


photo Rolling Barren Land, near Karakul, Xinjiang : Kevin Cure / CC BY 2.0
photo riot police : Chris Huggins / CC BY 2.0

Müllverbrennungsanlage Canossa

Fi sieht mich verständnislos an.

Canossa

Ich blicke verständnislos zurück, ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht, will gehen. Sie legt ihre Hände in mein Gesicht, drückt meine Mundwinkel nach oben, so dass ich lächele.
Ich muss an diese Party denken, auf die ich eigentlich nicht gehen wollte, weil ich mal wieder zu müde war. Auch da hat eine Person meine Mundwinkel nach oben gezogen, so dass es aussah, als würde ich lächeln. Danach hatte ich tatsächlich noch etwas Spaß auf der Tanzfläche. Als der DJ dann „Nein Mann“ spielte, sind wir gegangen. Oder vielmehr: Ich bin gegangen. Diesen verheerenden Nachhauseweg, den ich schon viel zu oft alleine gegangen bin. Das mit dem Abschleppen kann ich nämlich überhaupt nicht. Vielleicht bin ich auch zu blöd, mich abschleppen zu lassen.

Ich verlasse die Wohnung, ziehe abermals an meiner Mütze, die mir gut steht und von der ich immer das Gefühl habe, sie würde falsch sitzen. Ich stapfe durch den Schnee, der erst nächste Woche fallen wird. Zur Bushaltestelle. In meinem Mund eine Zigarette, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht … Krampfhaft halte ich mich an ihr fest. Wie an einem Rettungsring.
Ich bin auf dem Weg zu Ruth. Ruth, die ich eigentlich schon vergessen hatte. In letzter Zeit war sie nicht mehr als ein Name auf meinem Handydisplay gewesen. Ohne Gesicht, ohne Stimme, nur Buchstaben in einem flüchtigen digitalen Speicher. Und nun bin ich auf dem Weg zu ihr, schaffe es kaum, meine Füße zu heben.

Der Bus lässt auf sich warten. Der Bus lässt immer auf sich warten. Manche Busse haben Spitznamen, werden „die rote Rakete“ genannt. Dieser Bus lässt nur auf sich warten. Als ich nach kaum vier Stationen wieder aussteige, wähne ich mich in einer anderen Welt, mindestens aber in einem anderem Land. Das hier könnte genauso gut ein kleines Dorf im unbekannten Osten Luxemburgs sein. Die Straßenschilder sprechen eine andere Sprache.

Ich war schon einmal hier. Eigentlich war ich schon viel zu oft hier. Ich kenne die Straßen, als sei ich sie eine Zeit meines Lebens jeden Tag gegangen. Dort haben wir damals Y. getroffen, dort hat Ruth mal Menschen den Weg erklärt, nicht ohne unabsichtlich einen Fehler dabei zu begehen. Unwillkürlich muss ich grinsen, obwohl mir gar nicht zum Grinsen zu Mute ist. Ich schleppe mich den Hügel hoch, von dem aus man über die ganze verdammte Stadt sieht. Wenn nicht gerade dicker Nebel die Sicht versperrt. Die Müllverbrennungsanlage (oder das Fernwärmekraftwerk, je nach Betrachtungsweise) Spittelau stößt bedrohlich ihre (oder seine, je nach Betrachtungsweise) ungefährlichen Dämpfe aus.

Ruth also.
Einen kurzen Moment erfasst mich eine Woge der Einsamkeit. Das Meer der Verdammnis umspült mich mit seinen eiskalten, harten Wellen, als ich in der Brandung stehe. Am Horizont das große Seelenzeppelin.
Ich lächele. Ganz ohne fremde Hilfe.

photo: Some rights reserved by sayimsorry

Von der Türkenschanze zum Küniglberg

Ein Skelett als Studierender der Zukunft

Ein Skelett als Studierender der Zukunft vor der Vollversammlung der Universität für Bodenkultur – Foto von Clemens Troschl

Letzten Dienstag war in Österreich ein großer Tag für Bildungspolitik. Ein paar Tage vor dem Jahrestag der Audimaxbesetzung 2009 unter dem Schlagwort „#Unibrennt“ gab es an nahezu allen Universitäten des Landes Vollversammlungen. Grund dafür sind die Budgetkürzungen, die soweit gehen, dass manche Unis den laufenden Betrieb nicht ohne große Einschnitte fortführen können. Die Universität für Bodenkultur (BOKU), an der ich studiere, müsste z.B. ein Drittel ihrer Mitarbeiter_innen entlassen, um überhaupt überleben zu können. Was das für die Forschung und die Lehrveranstaltungen bedeuten würde, muss ich wohl nicht ausführen. Wenn bereits heute kein Geld für große Hörsäle oder genügend Übungsplätze vorhanden ist, würden verschiedene Pflichtlehrveranstaltungen wohl nur noch alle zwei Jahre (nicht Semester) abgehalten. Ein reichhaltiges Programm an Wahllehrveranstaltungen wäre wohl nicht mehr denkbar. Die BOKU ist die einzige Universität in Österreich, die sich umfassend mit den Themengebieten Umwelt und Lebensmittelerzeugung befasst. Kann eine Gesellschaft es verantworten, eine solche Universität aus hungern zu lassen?

Kann es eine Gesellschaft eines Landes mit einer der niedrigsten Akademiker_innenquoten innerhalb der OECD es sich angesichts der Wahlerfolge einer FPÖ leisten, weniger in Bildung zu investieren?

2009 ging es um mehr Plätze in Hörsälen, um Bachelor-Master, um Bologna, um widrige Zustände, die das Studieren unerträglich machen. Der Wissenschaftsminister Johannes „Gio“ Hahn wurde bereits während den Protesten nach Brüssel geschickt und durch die Bildungsabbauministerin Beatrix Karl ersetzt. Als diese sich dem Gespräch mit den Studierenden stellte und plötzlich anfing, von Zugangsbeschränken und Studiengebühren zu reden, als habe es #Unibrennt nie gegeben, stellte eine Person aus dem Publikum die wohl nicht ganz unberechtigte Frage:“Frau Karl, sind sie DUMM?“. Wenige Monate danach verkündete das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung die Kürzung der Unibudgets. Die BOKU wurde im vorauseilenden Gehorsam in einer satirischen Aktion gepfändet.

2010 geht es um die Rettung der Universitäten in ihrer jetzigen Form. An der Vollversammlung der BOKU nahmen über 1000 Personen teil. Bei 10.000 Studierenden kann also nicht von mangelnder Unterstützung die Rede sein, vor allem waren nicht wenige durch unverrückbare Übungen in völlig überbuchten Labors gebunden. Mitglieder aller Vertretungs- und Leitungsgremien der Universität waren vertreten und berichteten noch einmal von der desaströsen Lage. Bereits heute gibt es Lehrende, die auf ihre Bezahlung verzichten, unter ihnen die Vizerektorin Hinterstoisser.

Vollversammlung an der BOKU - Foto von Christoph Reiterich

Vollversammlung an der BOKU - Foto von Christoph Reiterich

Tausend Personen! Ich war überwältigt. So viele waren 2009 nie bei Studierendenversammlungen oder Demonstrationen an der BOKU gezählt worden. Nach der Vollversammlung begann die Demonstration, die am Parlament vorbei zum Ballhausplatz führte. Das sind von der Türkenschanze runde sieben Kilometer. Und es war die schrägste und lustigste Demonstration, an der ich bis jetzt teilgenommen hatte. Der BOKU-Block wurde angeführt von einem Traktor, auf dem „Bildungsabbaubekämpfungsmaschine“ stand. Die BOKU-Blasmusikkapelle und SambAttac spielten abwechselnd. Wäre ich nur ein klein wenig cooler, ich würde das Adjektiv „episch“ benutzen. Grünschnitt wurde verteilt und neben Transparenten und Schildern in die Höhe gehalten, was einige Beobachter_innen zu der Aussage brachte, es habe ausgesehen, als seien die Ents vom Berg gekommen.

Demonstration und Traktor mit der Auffschrift Bildungsabbaubekämpfungsmaschine

Die Ents und die Bildungsabbaubkämpfungsmaschine – Foto von Clemens Troschl

Am Ballhausplatz dann die viel zu kleine Bühne, auf der Flo, Mira und ich für die BOKU ein paar Dinge sagen. Mira berichtet von der Situation an der BOKU und der frohen Nachricht, dass endlich alle Universitätsmitlieder_innen (Das Rektorat hat öffentlich zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen.) sich dem Protest angeschlossen haben, Flo deutet den Begriff der Massenuniversitäten ins Positive um und ich brülle was vom „Traum der freien Bildung“ ins Mikrofon und fordere alle dazu auf, geschlossen für die Bildungsmilliarde und freie Bildung zu kämpfen.

Euphorisch und völlig ermüdet von dem langen Tag, der bereits um Neun mit Workshops zur momentanen Lage angefangen hatte stand ich hinter der Bühne, wo Mira von einigen Personen überredet wurde, zur ZIB24 zu gehen. ZIB steht für Zeit im Bild, das Nachrichtenmagazin des ORFs und 24 steht für die Uhrzeit, zu der es ausgestrahlt wird. Bereits um 13 Uhr hatte es eine Liveschaltung von der Vollversammlung an der Boku gegeben. Nach kurzem Überlegen willigte Mira ein. Und fragte mich, ob ich als seelische Unterstützung mit zum ORF kommen würde. Ich musste nicht lange überlegen. Alle anderen Pläne mussten dann halt verschoben oder aufgegeben werden.

Abschluss der Demonstration am Ballhausplatz

Abschluss am Ballhausplatz – Foto von Clemens Troschl

Ein kurzer Besuch in der Universität Wien, wo gerade Hörsaal 7 und dann das Audimax „besetzt“ wurden, später, trafen einige Boku-Leute sich in einem Lokal, aßen etwas und sammelten Argumente, bis das Taxi kam und uns zum ORF-Zentrum auf dem Küniglberg fuhr. Dort ging Mira mit Christoph und mir noch einmal die Standpunkte und Argumente durch, die wir gesammelt hatten. Alle Müdigkeit war vergessen. Lustigerweise durfte ich während der Fahrt Telefonzentrale spielen, da die Telefone der anderen platte Akkus hatten.

Während Mira geschminkt wird, essen Christoph und ich Viennale-Jellybeans und versuchen herauszufinden, was für Fragen kommen werden. Besonders den Mitdiskutanten Josef Broukal können wir schlecht einschätzen, da er sich in einem Buch für die Einführung von Studiengebühren ausgesprochen hat und als ehemaliger Nachrichtensprecher ein Medienprofi ist.

Das Interview verläuft super, Mira bringt überzeugend die Standpunkte der Bewegung rüber. Anschauen lässt sich die Sendung noch bis Dienstag hier.

Ein Taxi bringt uns nach Hause. Im Mund noch immer der Geschmack der ORF-After Eights. Ich bin total euphorisiert. Und voller Hoffnung, dass es endlich etwas gebracht hat. Dass es etwas gebracht hat, dass sich 20.000 oder mehr Menschen auf die Straßen Wiens gemacht haben und sich für freie Bildung und mehr Geld für die Universitäten in Österreich stark gemacht haben.

Samstag. Das Budget ist fixiert. Die Regierung ist stolz auf sich selbst und grinst in die Kamera. 80 Millionen mehr für Unis und FHs, die selbst bei sparsamer Verwendung der Mittel 600 Millionen Euro bräuchten. Das Geld gibt es aber nur im Austausch gegen die verhassten Zugangsbeschränkungen. Und das Geld für die Mittel schröpft man die Studierenden: die Familienbeihilfe wird zukünftig nur noch bis 24 Jahre ausgezahlt statt bisher bis 26. Kaum jemand kann dann noch mit staatlicher Beihilfe einen Master studieren. Genauere Erklärungen zu den Auswirkungen gibt es von der Österreichischen HochschülerInnenschaft(Achtung, pdf!).

Heute (24.10) Abend um 21:30 gibt es eine spontane Demonstration gegen die geplanten Kürzungen am Stephansplatz im Herzen von Wien. Ich möchte alle meiner Wiener Blogleser_innen auffordern, zu kommen!

Traktor, Demonstration

Die Bildungsabbaubekämpfungsmaschine muss weiter rollen! – Foto von Christoph Reiterich

Danke an Christoph und Clemens für die Fotos. Mehr von ihren Fotos kann man sich hier (Vollversammlung) und hier (Demo) ansehen.

Einzug

Umzug heißt auch immer Einziehen.
Ein großer, leerer Raum, nur gefüllt mit Kisten und Tüten, in denen deine wenigen Halbseligkeiten stecken. Dazu ein paar Möbel, die du in mühevoller Klein- und Überzeugungsarbeit an dich gerissen hast. Noch steht da das alte, ungemütliche Bett, noch steht alles Kreuz und Quer, als sei dieser neue Raum ein Lager und kein Zimmer.

Auftritt: der Baron von LuxemburgAuftritt: der Baron von Luxemburg (3. v. l.)

Erschöpft baust du den Computer zusammen, checkst deine Emails, twitter, facebook, Nachrichten. Nichts bedeutendes.
Nichts bedeutendes bedeutet auch: Keine schlechten Nachrichten. k. geht es gut, das war wichtig, zu wissen.
Die erste Nacht in der neuen Wohnung ist wichtig. Besser gesagt: die Träume in der ersten Nacht sind wichtig. Du bewegst dich mit den Worten von Max Frisch zum Schlafen. Ärgerst dich, bevor dir die Augen zufallen, ein wenig über die Misogynie in Homo faber.

Schnitt. An deine Träume kannst du dich nicht mehr erinnern. Du bist dir jedoch sicher, dass du welche gehabt hast. Nicht, weil du weißt, dass „man immer träumt, sich nur nicht immer daran erinnert“, sondern weil du weißt, dass du dich daran erinnert hast, für einen kurzen Moment. Wahrscheinlich vergisst du viel zu oft, die Träume kurz nach dem Aufwachen zu fixieren, wie bei der Entwicklung von Fotos. Geschäftig scheinen sie dir gewesen zu sein. Wahrscheinlich kann das wieder alles oder nichts heißen. Gerne würdest du mal träumen, du würdest träumen.

Schnitt. Ein Ausflug an das Ende von Wien, irgendwo in der Pampa ein Lattenrost und eine Matratze kaufen. Das läuft alles viel zu glatt, so dass ihr entscheidet, auch noch mindestens eine Badematte und Bettwäsche zu kaufen. Sogar die Zahlung mit Karte funktioniert, obwohl der Kreditrahmen eigentlich längst gesprengt sein sollte. Das grün der Karte steht wohl doch nicht für „jugendlich“, sondern für „Smaragd“. Als könntest du die Karte ziehen, laut mit einem übertriebenem groß-kaiserlich-pikiertem-österreichischen Akzent „ICH BIN DER BARON VON LUXEMBURG“ rufen und all deine Probleme lösten sich in Luft auf!
(Akzeptieren wir für einen kleinen Moment, dass es für Außenstehende zumindest manchmal so aussehen muss. Obwohl das leben weitaus komplizierter ist. So gibt es zum Beispiel überhaupt keinen Baron von …)

Schnitt. Ein riesiger Topf Kürbisrisotto. Viel zu viel für drei Personen, sogar für die vier, die schlussendlich davon essen. Letzten Endes isst man nur noch, weil es gut schmeckt, obwohl man eigentlich überhaupt keinen Hunger mehr hat. Gemütliches Zusammensitzen. Der Raum ist so weit eingerichtet. Es hängen sogar einige dekorative Elemente an der Wand. Du freust dich. Die Schränke in der Küche sind voll mit Tee.

Aus dem leeren Raum ist ein Zimmer geworden. Mit Balkon. Will noch jemand etwas Risotto?

Auszug

Umziehen bedeutet auch immer Ausziehen. Ausziehen bedeutet auch immer viele letzte Male.
Das letzte Mal aus dem Fenster gelehnt Musik hören und die Stadt anschauen, wie sie an dir vorbeizieht, Autos vorbei rasen, Menschen unter einem gehen und dabei Musik voller Schmerz und Schwere hören, weil du dich selbst so anfühlst, so voller emotionalen Blei, dass deine Glieder schmerzen. Wobei das auch vom Kistenschleppen kommen kann.
Das letzte Mal alles so sehen, wie es zusammen gehört, in Regalen und auf Oberflächen, aufgebaut und ordentlich hingestellt.
Das letzte Mal den kleinen Haufen Besitztümer sehen, der dein Leben ausmacht. (ben_ wäre stolz auf mich!)
Das letzte Mal in den Raum treten und ihn putzen.

ein leerer Raum

Der Raum, der knapp ein Jahr mein Raum war, in dem ich so viele wunderbare Dinge getan und erlebt habe, ist nun leer und hallt bei jedem Schritt. Er wirkt so fremd ohne Möbel, die Wände so viel zu weiß ohne das einzige Poster an der Wand. Ich putze und kontempliere über all jene Erinnerungen, die mit dem Raum zusammen hängen. Er war gut zu mir. Ich mochte die Lage an der großen Straße, auch wenn die die großen Straßenlampen, die über ihr hingen und in mein Zimmer hinein schienen, nicht mochte. Und der Lärm der Straße, war halt Straßenlärm einer stark befahrenen Straße.
Ich bin müde vom Ausziehen und hier, wo ich einst zu Hause war, wo es sich noch natürlich anfühlt, zur Tür hinein zu kommen ist jetzt alles kalt und leer. Fast so wie damals, an jenem verhängnisvollen Oktobernachmittag, als ich eingezogen bin. Damals hat es geschneit. Jetzt fühlt sich die Herbstkälte schon nach beißend nach Winter an. Am Fensterbrett muss ich kurz an k. denken, die es liebte, dort zu sitzen und zu rauchen. Überhaupt, k. und meine Geschichte hat viel mit diesem Raum, nun leer, zu tun. Was würde Ruth wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ich ausziehe? Ausgezogen bin. Vielleicht wäre es ihr egal, so wie ihr immer alles egal ist, wenn sie mich nur „haben“ kann. (Niemand kann mich haben, ich bin meins ganz allein.)

Fast will ich nicht gehen, will nicht fertig werden mit staubsaugen, um länger hier bleiben zu können, diesen Ort für einen weiteren Moment besetzen, ein magisches X auf meine innere Landkarte zu zeichnen. Fast möchte ich mich auf den nackten, nun sauberen Boden setzen und alles, was während diesem Jahr in den Raum passierte, nachzeichnen. Da stand mein provisorischer Schreibtisch aus zwei Ikea-Beistelltischen, da das schreckliche Klappbett, dort habe ich mir unzählige Serien angesehen, dort Texte geschrieben und Zwerge angeführt, dort Sex gehabt und dort habe ich mit L. und B. herrumgealbert. Und hier ist meine Teekanne, die genau eine Woche in Wien überlebt hat, zu Bruch gegangen. Als ob ich mir dieses Jahr in Ultra-Zeitraffer ansehen würde.

Zum Glück heißt Umzug auch immer Einziehen.

Auf dem Weg raus, das letzte Mal durch den schönen, grünen Innenhof, begegnet mir ein Dachs, Lieblingstier meiner Kindheit. Ein Dachs, mitten in Wien.

Photo: CC-BY
Some rights reserved by Kaiban

Falsche Station

Buenos Aires Subway for Electric Line

Ich befand mich in einem merkwürdigen Dorf. Vielleicht eine Filmkulisse aus starker Pappe oder so was. Die Häuser sahen südamerikanisch aus, aus Lehm, mit Flachdächern in denen die Balken zu erkennen waren. Irgendein Workshop fand statt, vielleicht das Hackercamp oder so was. Mich langweilte das Ganze und ich begann herum zu wandern, scheinbar auf der Suche nach einem Klo. In meiner Tasche immer noch eine kleine Plastiktütchen mit Marihuana.
Ich nehme an, es handelt sich um das Marihuana, das ich K. vor vielen Nächten bat, aufzutreiben und das er mir in einem Bus auf der Türkenschanze übergab. Wahrscheinlich war es so lange in meiner Hosentasche.

Ich fand kein Klo, sondern mich ziemlich verwirrt an einer Wiener U-Bahnstation wieder. B. ist mit mir hier, allem Anschein nach auch bekifft. Ich starrte auf den Netzplan, der merkwürdigerweise eine Rundlinie aufzeigt, die ich nicht kannte. Die Schienen fahren auch rund um die Station, die mir nicht bekannt vorkommt, an der ich laut ihrem Namen aber schon einmal war. Eine gemeine, gefährliche Falle, die nur sehr eklige, langsame Verbindungen hervorbringt. Ich beschloss, dass es viel zu lange dauern würde, mit der U-Bahn zu fahren, da wir mehrmals umsteigen müssten. Ein paar hundert Meter weiter gäbe es eine Station, an der eine Linie uns sofort nach Hause bringen könnte.

Unterwegs wurde es dunkel. Vor einem Supermarkt begegneten wir einer Gruppe, bestehend aus einer dicken Frau, riesigen Ausmaßes und einer ganzen Schar Pfadfindern, alle in beiger Uniform. Ich murmelte etwas wie „Das sind aber keine einheimischen Pfadfinder!“ in B.s Richtung. Keine Reaktion. Wir fragten nach dem Weg oder wurden nach dem Weg gefragt. Wahrscheinlich wollten die Pfadfinder auch einen Weg wissen, während uns erklärt wird, wir müssten nur die Straße runter gehen. Ich dachte schon wieder nur ans Rauchen, befummelte aufgeregt die kleine Tüte in meiner Hosentasche, konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.
Wien wirkte dreckig und viel zu sehr wie eine Autobahnauffahrt. Ab hier war die Straße wie in wirren Fetzen. Wir hatten uns irgendwo im Osten der Stadt verlaufen und würden nie die gesegnete Station erreichen …

(Foto von hier.)

Gen Osten

Blick aus dem Fenster, morgens.
Gen Osten, dort wo die Stadt entlang der Donau erstreckt, lassen sich am Horizont bereits die ersten Vorboten des Sonnenaufgangs ausmachen. Mit einem Mal wird die Sphärenartigkeit der Erde mir bewusster. Ich sehe, wie sich mit etwa 1666 km/h um ihre eigene Achse rotiert und mich aus dem Schatten ins Licht schiebt. In einer Stunde wird es wieder taghell sein und ich in den letzten Vorbereitungen für die große Reise.

Im Hintergrund liebliche Musik. Entertainment for the Braindead. Coming home. Das Lied habe ich zum ersten Mal gehört, als ich im Januar, im tiefsten Winter, nach ein paar Wochen im Großherzogtum wieder in Wien war.

Es ist das gleiche Ritual, seit etwa einer Woche. Ich begrüße den neuen Tag aus dem Fenster gelehnt. Die Zeitungsausträger fahren stumm und einsam auf ihren Rädern mit den großen Marktkisten auf dem Gepäckträger vorbei. Kaputte Feierende kehren heim, mühen sich, den Schlüssel zu finden. Taxis brausen vorbei, kaum andere Fahrzeuge. Die Stadt erwacht, ich gehe schlafen. Mir fällt jetzt erst ein, dass es ein Lied der Neubauten gibt, das sehr gut dazu passt. Ironischerweise habe ich es lange zum Einschlafen gehört.

Einen kleinen Moment lang der Gedanke: Ich will hier nicht weg. Die Stadt hat mich an sich gefesselt, ich fühle mich hier dahoam, ohne sie zu kennen, ohne großartige Verbindung. Und ich vermisse den Park, in dem ich gefühlt alle Tag seit es einigermaßen warm ist, verbrachte habe, den großartigen Türkenschanzpark, in dem ich zu meiner Verzückung einen Kuchenbaum gefunden habe, jetzt schon.

Fahre ich nach Hause oder nur zu meiner Sommerresidenz? Es gibt wohl keine gute Antwort auf diese Frage. Wäre Winter und Nebel, ich könnte dem Wetter hervorragende Metaphern für meine Gedankenwelt abringen. Klarheit wird nur die Reise bringen, denn das Ziel und der Weg sind der Weg und das Ziel.
Ein neuer Morgen bricht an. Es verspricht ein klarer, sonniger Tag zu werden.

Das Foto stammt von der kleinen Göttin. Vorzügliches Dankeschön!