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Wind

Ich blicke in den Spiegel und sehe mir selbst in die Augen. Seit ein paar Wochen mag ich meine Augen. Ich weiß nicht, ob es sonst einen Menschen gibt, der mir in die Augen sieht und sich denkt: „Das sind schöne Augen!“, aber ich tue es. Wenigstens einer. Die Haare gefallen mir nicht mehr. Anders sollen sie. Da anders nicht so hinhaut, wie ich mir das vorgestellt hatte, kommen sie ganz ab. Kahlschlag, wie Anno 2008.

Während dem Schneiden habe ich Stöpsel in den Ohren, weil die Haarschneidemaschine so unglaublich laut ist. So höre ich nur, wie das Metall an meinen Schädel stößt. Ich kann nicht genau ausmachen, ob ich die Vibrationen mehr spüre oder mehr hören. Letzten Endes ist es das Gleiche, die Biologie bietet uns keine Hilfe.

Ich spüre den Wind um meinen Kopf wehen. Von unten weht der Wind hoch, an den steilen, verzierten Häuserwänden der majestätischen Stadt entlang zu den Häusergiebeln bis hoch über die Dächer der Stadt, dort, wo das Zeppelin steht.

Das mächtige Seelenzeppelin rührt sich nicht, trotz des heftigen Windes, der mir um die Ohren weht. Und ich wähne mich am Steuer, im Auge des Sturms. Die Nacht ist lauwarm und ich muss an k. denken. Einen kurzen Moment lang vermisse ich ihre Lippen. Vor meinem geistigen Auge nur postapokalyptische Sperrzone, in dem ein paar japanische Hunde bellen. Solange ich am Steuer stehe, kann mir nichts etwas anhaben, denn dies ist mein Luftschiff.

Die Stadt ist gut zu mir. Ich habe seit Monaten endlich wieder das Gefühl, wirklich zu leben. Vielleicht liegt es an den Haaren, die ab sind, vielleicht liegt es an dem Herzchaos, das begraben ist, vielleicht liegt es tatsächlich auch an der Sonne, die immer öfters kommt, vielleicht liegt es an den Sternen, die ich an unbekannter Stelle erblickte, aber ich habe das Gefühl, dass es mir gut geht. Und gleichzeitig wünsche ich mir endlich mehr Poesie in diesem verficktem Leben.

Katzengras

„Gras? Was für Gras meinst du, verdammt? Ich weiß bei dir wirklich nie, ob du Wiesengras oder die Droge meinst!“, schrie er in die Freisprechanlage.
„Wenn ich Gras sage, meine ich Gras! Glaubst du etwa wirklich, ich füttere meine Katze mit Cannabis?“, plärrte der Angesprochene ziemlich unverständlich aus den Lautsprechern zurück.
Es stürmte und neben dem heftigen Windgeräusch, ein bedrohliches Rauschen, das beständig zu hören war, kam auch noch hinzu, dass diese verlassene Straße geradewegs in ein Funkloch führte.

Das alles vereinfachte die Kommunikation nicht gerade. Manfred Rosenfeld verstand nur die Hälfte von dem, was sein Gesprächs- und Geschäftspartner Stéphane Berri ihm mitzuteilen versuchte. Mal ganz abgesehen davon, dass er sowieso nur die Hälfte der Zeit den Sinn und Zweck dieser telefonischen Mitteilungen, die ihn in letzter Zeit immer öfter erreichten, wirklich kapierte.

„Berri, wieso erzählst du mir, dass du deine Katze mit Gras fütterst? Und vor allem: Gibt es nicht sogar spezielles Katzengras?“
Wieder knackte und rauschte die Leitung, während Berri redete:
„Du hattest doch auch mal eine Katze, oder? Vielleicht weißt du ja, wie viel Gras so ein Tier braucht, am Tag oder so …?“
Rosenfeld seufzte. Als habe er nicht genug damit zu tun, den Wagen auf dieser holperigen, windigen Straße zu halten!
„Ich habe meiner Katze noch nie Gras gegeben, weder Katzengras noch Cannabis oder Fußballrasen! Vielleicht hat sie ja mal passiv einen Joint mitgeraucht, aber das wolltest du doch bestimmt nicht wissen, oder?“

cure grass addiction cc by mikelens

Erneut musste er einer Windböe entgegen steuern, als Berri ihm antwortete:
„Ja! Mach dich ruhig lustig über mich! Nachher stirbt das Tier noch an einer Überdosis Chlorophyll! Ich …“
Rosenfeld hörte, dass Berri noch irgendetwas sagte, aber er konnte außer einzeln Wortfetzen nichts mehr verstehen.
Er schrie, als müsse er gegen den Geräuschsturm aus Wind und Übertragungstörungen ankämpfen:
„Berri! Ich versteh dich nicht! Ich bin in einem Funkloch!“

Dramatisch klang das. Wie ein letztes SOS vor dem Untergehen. Dann das Besetztzeichen, 440 Hertz, wohlbekannt und mit leicht unangenehmen Erinnerungen verbunden.

Das Windgeräusch wirkte plötzlich angenehm leise. Die Straße wurde wieder besser. Jetzt eine Tüte Gras, und die Welt wäre wieder in Ordnung!
Das wäre ja alles kein Problem gewesen, wäre das nicht genau die Art zu denken gewesen, die Berri zu dem gemacht hatten, was er heute war: ein brillianter Programmierer zwar, aber sozial völlig inkompetent. Berri war Rosenfelds Meinung nach überhaupt nicht in der Lage, die Wichtigkeit von seinen persönlichen Problemchen abzuschätzen. Wahrscheinlich war er jetzt gerade dabei, irgendjemanden anderen mit seinem Katzengrasproblem vollzulabern und dabei Wörter wie „Cholorphyllvergiftung“ zu gebrauchen als sei das das Normalste der Welt. Und er glaubte halt auch, dass Gras alle Probleme aus der Welt schaffen könnte.
Mittlerweile hatte der Wind ganz nachgelassen, er war auf jeden Fall nicht mehr zu hören. Einzig das gleichmäßige Brummen des Motors unterbrach die Stille.
Dieses Auto hatte natürlich auch kein Radio.

Wieso schaffte er es eigentlich nie, Berri verständlich zu machen, dass er ihm mit seinen „wichtigen Fragen“ furchtbar auf die Nerven ging? Normalerweise konnte er sich doch gut durchsetzen, aber Berris Gedanken sprangen in einem Gespräch so schnell hin und her, dass es quasi unmöglich war, ihn zu fassen und auf etwas fest zu nageln.

Unwillkürlich gab Rosenfeld mehr Gas, als konnte er seine Unzufriedenheit so loswerden, sie mit dem Kraftstoffluftgemisch in das ewige Auf-und-Ab der Kolben schicken, wo sie angesaut, verdichtet, gezündet und abgesaut würden. Wenigstens wusste er noch, wie ein Motor funktionierte, auch wenn er bei einer Panne kaum in der Lage gewesen wäre, einen zu reparieren, das Wissen um die vier Takte hatte er noch. Die Art von Wissen, die man nur in Quizshows und auf langweiligen Parties benutzen konnte.

Er störte ihn, dass ihn so ein dummer Anruff so lange beschäftigte. Oder war es mehr, dass es im Moment für ihn einfach nichts gab, woran er anderes denken konnte, von einem gewissen Mädchen, an das er nicht denken wollte, mal abgesehen?
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