_

wolkeNacht

In der Nacht kam der Wind und mit ihm die Wolken, die unsere nackten Gedanken bedecken. Wie gerne würde ich noch einmal neben dir träumen! Ich träumte wunderbar wirr, neben dir. Träume, in denen mir in einer Pizzeria erklärt schlüssig erklärt wird, dass sich alle zwischenmenschlichen Probleme mit einer Freundschaftsanfrage bei Facebook lösen lassen.

Wirst du dich erinnern, an diese Nacht, in einem Jahr, in zehn Jahren?
Werde ich mich erinnern?
Oder wird diese Begegnung, diese seltene Planetenkonstellation im elenden Erinnerungsbrei meiner persönlichen Geschichte untergehen? Ich weiß kaum noch, was ich vor zehn Jahren gemacht habe. Lange wird es nicht mehr dauern, und ich kann es nachlesen. Das gibt mir Hoffnung. Wenn ich alles aufschreibe, meine Gedanken, Träume, Wünsche und Sehnsüchte in die große Wolke schicke, werden sie nie verloren gehen.

In diesen von Wolken verhangenen Nächten kommt die Sehnsucht durch das gekippte Fenster und schläft mit mir in Löffelchenstellung. Ich kann meinen Gedanken nicht mehr zuhören, stehe auf, wandere durch das Zimmer, stelle mich die Kälte der Nacht. Auch das hilft nicht. Irgendwo in dieser Stadt läuft ein Dachs herum, der die Menschen erschreckt. So entstehen unsichtbare Verbindungen zwischen ihnen, so lange die Wolken dafür sorgen, dass ihre Gedanken nicht über die Stadt fliegen können. Inversionswetterlagen und ihr Einfluss auf das Gefühlsleben junger Großstädter_innen.

Auf dem Fensterbrett steht das Avocadobäumchen, auf dem Balkon wächst alles wie verrückt, aber nichts von alldem tröstet über meine Einsamkeit hinweg. Das liegt einfach daran, dass Ruth nicht mehr auf meinem Fensterbrett sitzt und raucht. Und das nie wieder tun wird. Es gibt keinen Ersatz für das Nichts.

Ich sehne mich nach Nähe, obwohl ich weiß, dass ich nicht gut schlafe, wenn eine Person neben mir liegt. Ich will mich an jemanden kuscheln, obwohl ich so niemals einschlafen kann. Und mich ärgern würde, dass ich mein Hörbuch nicht hören könnte. Ich sehne mich nach dem Unmöglichen, dem Vergangenem, dem Niegewesenen.

Am Morgen ist der Himmel wieder klar. Ich setze mich im Lotossitz auf den Balkon und meditiere der Sonne entgegen, Zigarette in der linken, Kaffee in der rechten Hand.

dem Morgenlicht entgegen.

Ich dusche dem Morgenlicht entgegen. Das Fenster ist halboffen, das Bäumchen davor verhindert, dass jemand mich sieht. Nackt, wie ich es halt nun einmal bin, wenn ich dusche. Ich taste mich halb blind, obwohl mit Brille, durch die vielen Flacons, bis ich ein Shampoo und Duschgel gefunden habe, das ich für geeignet halte. Nachher werde ich riechen wie sie. Sie, deren Namen ich noch vor einem Tag nicht zu ihrem Gesicht zuordnen hätte können, die nun nur wenige Meter entfernt ist. Ich versuche, nicht zu viel an sie zu denken, an die Nacht, die hinter uns liegt, um diese Duschsituation nicht merkwürdiger zu machen, als sie es jetzt schon ist.

Als ich in dem leeren Bett lag, ihrem Bett, habe ich mich nach links gedreht, um das Bücherregal ansehen zu können. Bei jedem Buchrücken, den ich las, wurde mein Grinsen breiter. In mir machte irgendwer Luftsprünge. Dann lachte ich mich selbst für die Idee aus. Ein kurzes, hämisches Lachen, wie ich es selbst kaum von mir kenne. Im Hintergrund das Plätschern der Dusche. Zum Glück wird sie mein Lachen wohl nicht gehört haben. Was sie sonst wohl denken würde? Immerhin gibt es gerade keinen Grund zu Lachen. Zumindest nicht laut. Ein wenig Schmunzeln und glücklich aussehen, das wäre der Situation angemessen. Ich kann nicht anders. Ich drehe mich wieder auf den Rücken, grinse glückselig und starre an die fremde Zimmerdecke.

Die folgende Woche ist regnerisch. Wie langen dünne Fäden steht der Regen im Innenhof. Manchmal, in den kurzen Sonnenperioden, wundere ich mich, dass er noch nicht voll gelaufen ist. Meine Gedanken sind überall, aber nie bei den Dingen, die ich tue. Während der Prüfung denke ich statt an Staudämme, Schlauchwehre und Fischaufstiegshilfen nur an Sex. Ich werde trotzdem eine 3 schreiben. Oder ankreuzen. „Ich habe eine Drei angekreuzt“ klingt seltsam, beschreibt aber besser, was wirklich passiert ist. Während ich über Optimierungsverfahren lese, die auf den Bewegungen von Ameisen basieren, krabbeln die Insekten über meinem Kopf, bauen Nester, züchten Pilze und melken Blattläuse. Und wenn es nicht die Ameisen sind, dann weitaus ablenkendere Gedanken.

Ich spiele das gute alte „Was wäre wenn …“-Spiel. Dreimal ende ich in einem Haus mit Bäumchen davor in der Bodenseeregion. Einmal davon baue ich eigene, legal gewordene Drogen an. Ein anderes Mal werde durch Lesungen berühmt, bei der meine Lebenspartnerin im Hintergrund Musik auflegt. Wir geben einem Hochglanzmagazin gemeinsam ein Interview und machen uns einen Spaß daraus, zweideutige Aussagen über unser gemeinsames Sexualleben zu machen und lassen Vieles absichtlich im Unklaren. Sowas passiert mir ständig. Meine Gedanken sind nicht mehr greifbar, ich kann sie kaum in Zaum halten und auf die 180 Seiten richten, die ich aufzunehmen versuche.

Wir sitzen im Park, essen Eis und reden. Die Sonne scheint, im Hintergrund spielen Kinder, Hunde bellen. Es ist einer der Momente, die ich einfrieren möchte. Oder besser, sie in Endlosschleife erleben möchte, unendlich, im schönsten Sinne des Wortes. So wie das unendliche Gespräch über Sex, während Sigur Rós im Hintergrund läuft. Ich will einfach, dass dieser Moment nie aufhört und wir einfach immer weiter reden und reden. Mir wird das erst später bewusst, als ich meine Rollos runter lasse und die Nacht aussperre. Um dann das Licht zu löschen. Dieses Gefühl kommt nicht oft, nur ganz selten. Dieses Gefühl, dass die Welt stehen bleiben könnte, ist ein schwieriger Deckel, es passt nicht auf dunkle Nächte in fremden Betten.

Da ist sie wieder, die Poesie in meinem Leben.

Was bleibt.


Was bleibt am Ende des Tages? Am Endes des Gespräches? Viele Worte, Witze, Sorgen, sinnvolles, sinnloses, unsinniges. Die Sorgen bleiben hängen. Als wären sie noch nass und müssten zum Trocknen aufgehängt werden. Ich hab nicht umsonst so viel Hoffnung in den Keller geschaufelt, als dass ich sie jetzt zum Heizen verwenden könnte. Ich habe nicht umsonst so viel Tee eingelagert, da kann der Winter nicht einfach ausbleiben. Alles wird gut werden. Ich glaube daran. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kann nicht davon ausgehen, dass die Welt in Zukunft ein Trümmerhaufen sein wird und ich im Epizentrum einer Wasserstoffbombenexplosion stehen werde, wenn ich dort ankomme, dann kann ich mich auch von meinem sicherlich zu niedrigen Balkon schmeißen. Ich muss optimistisch bleiben. Und selbst wenn alles in Trümmern aufgeht, so werde ich mir beim Wiederaufbau halt die Hände aufreißen und Narben davontragen. Aber letzten Endes wird es gut ausgehen. Drei kleine Vögel werden singen, und wenn sie die letzten auf Erden sind.

Vor meinem inneren Auge bauen sich düstere Visionen auf. Rote Meere, der letzte Mensch im Universum, eingesperrt in eine ewige Maschine. Radioaktivität. Ich kann sie nicht glauben.
Und was bleibt? Der Vorsatz, sich weniger Gedanken zu machen.
Oder mehr?

Yogaübung


Auf meiner Teepackung ist die Anleitung zu einer Yogaübung aufgedruckt. Man sitzt dabei im Schneidersitz und steckt sich abwechselnd Finger in die Nasenlöcher. Klein und kursiv gedruckt steht am Rand der Packung, ich solle seinen Arzt fragen, ob die Übung für mich geeignet sei. Ich gehe also mit der Teepackung zu meinem Arzt und frage ihn, ob ich im Schneidersitz sitzen und mir abwechselnd Finger in die Nasenlöcher stecken darf. Er sieht mich nur irritiert an und antwortet nicht, bis ich aus lauter Verlegenheit fluchtartig seine Praxis verlasse und beschließe, nie wieder zu diesem Arzt zu gehen. Im Treppenhaus bedauere ich dies kurz, denn der Arzt war stets freundlich und wirkt kompetent.

Ich werde nie wieder zu ihm gehen können. Nicht nur aus Scham, sondern vielmehr, weil das Haus, in dem sich seine Praxis befindet, einstürzt, als ich es verlasse. Vor mir versinkt ein ganzer Häuserblock in den Boden. Ich ziehe meine Thermokanne aus meiner Tasche. Der Teebeutel schwimmt noch drin. Ein grauer, mit Kräutern gefüllter Schwamm. An der kleinen Papierfahne ist kein Logo zu sehen, sondern es steht ein Spruch drauf. Der Tee ist nämlich, wie bei Tees auf deren Packungen Yogaübungen drauf gedruckt sind zu erwarten, ein ausgesprochener Hippietee. Drauf steht: „Liebe ist ohne Schmerzen. Sie ist Blühen. Sie ist Segen.“

Wie gut, dass ich niemanden liebe und mich nur unglücklich, voller schmerzen und weder sehr segens- noch blütenreich durch die Weltgeschichte ficke. Während der Häuserblock vor mir einstürzt und/oder im Boden versinkt, das kann ich durch meine beschlagene Brille nicht erkennen, trinke ich meinen esoterischen Hippietee und höre James Blunt auf meinem iPod. Und ich habe nur noch so wenig Schamgefühl, dass einfach nicht mehr genug davon da ist, um mich dafür zu schämen. Nicht für den iPod, der von suizidgefährdeten chinesischen Arbeitern in lagerähnlichen Montagewerken zusammengeschraubt wurde und schon gar nicht für James Blunt, der schmalzig von Kindern im Kosovo plärrt. Zumindest scheint sein Schmerz, oder den Schmerz den er von den traurig dreinschauenden Kindern im Kosovo antizipiert hat, größer zu sein als meiner. Denn bei mir ist eigentlich alles Okay. Gut, ich habe mich gerade vor meinem Arzt, zu dem ich jetzt nicht mehr gehen kann, weil sein Haus eingestürzt ist, hochgradig lächerlich gemacht, aber …

„Aber …“ denke ich und weiß nicht mehr weiter. Dort wo der Häuserblock war, ist jetzt der Blick auf ein rotes Meer. Ich kenne dieses Meer. Ich hasse dieses Meer. Nicht wegen dem Sand, der sich an meinen Körper klebt oder sich in alle möglichen und unmöglichen Körperöffnungen presst, sondern weil es halt dieses rote Meer des Verderbens ist, an dem ich schon so oft stand, an dem ich schon viel zu oft stand.

Und ich bin alleine hier. In der Ferne glaube ich Ruth über der See schweben zu sehen. Als sei sie ein mythologisches Wesen, als könne sie schweben! Ich bin alleine mit meinen Gedanken und wäre gerne alleiner.
Die Einsamkeit hingegen halte ich kaum aus. Ich weiß nicht, was ich will.
Ich weiß nicht einmal, ob ich gerne etwas wollen würde. Was würde Kazuyoshi Funaki in dieser Situation tun?

Ich möchte schreien, vor allem Leute an. Ich habe etwas Tee verschüttet. Es ist ziemlich schwer, mit dieser alten Thermokanne so zu schütten, dass der Tee nur in die Tasse kommt. Normalerweise fließt er nämlich überall hin, allem voran natürlich glühend heiß über die Finger, nur nicht in die Tasse. Ich habe übrigens eine Tasse aus Porzellan bei mir. Falls moderne Tassen überhaupt noch aus Porzellan sind. Vielleicht ist das längst irgendein Kunststoff, der sich bloß so anfühlt wie Porzellan. Auf jeden Fall ist sie schwer und lässt sich gut in der Hand halten, während ich vor dem Abgrund stehe, wo vor einigen Minuten ein Häuserblock eingestürzt ist und unter dem sich jetzt ein tosendes, rotes Meer steht. Der heiße Tee auf meiner Hand brennt und versichert mich, nicht zu träumen. Das wäre ja noch schlimmer. So eine tolle Geschichte und dann müsste ich nach der Erzählung immer sagen: „Und dann bin ich aufgewacht.“

Ich will mich in das Meer stürzen und in meiner Verzweiflung ertrinken. Eine Stimme hält mich davon ab. Buchstaben werden zu Menschen, das Meer aber nicht wieder zu einem Häuserblock. Wäre dies hier ein Traum, was wäre das alles für eine wunderbare Metapher! Freud, der alte perverse Sack hätte seine helle Freude daran und würde sich wohl erst die Unterhose wechseln müssen, bevor ich weitererzählen könnte.

Der Tee schmeckt nicht. Oder zumindest nicht so, wie er schmecken sollte. Ich gehe auf und ab, setze mich an den Rand der Klippe, stehe wieder auf, gehe wieder zwei, drei Meter, fühle mich wie an der belgischen Küste, drehe wieder um, setze mich auf den Asphalt, stehe wieder auf, gehe zu meinem Ausgangspunkt zurück. Der Tee schmeckt nicht so wie früher. Ich frage mich, ob das alles real ist, an was ich mich da zu erinnern glaube. Oder ob ich nicht einfach seit Anbeginn der Zeit vor diesem Bildschirm vor der weißen Wand saß und getippt habe. Ich traue mich nicht, nachzuschauen, wie lang der Text schon ist. Auch in meinen Augen würde James Blunt, der übrigens immer noch singt, keinen Mut entdecken.

Was ich mit diesem Text sagen will? Allgemeine Ratlosigkeit unter Germanist_innen in hundert Jahren. Die Orientierungslosigkeit im anfangenden einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie immer! Als habe ich nur ein Thema, über das ich schreiben würde! Jetzt, wo ich mich noch aufregen kann, rege ich mich auf, als Nachhall durch die vierte Wand, die längst abgerissen wurde, genauso untergegangen mit dem Häuserblock, in dem einst mein Arzt wohnte. Ich knie nieder und bete, als mir einfällt, dass es keinen Gott gibt, an den ich glaube.

Ich blicke gen Himmel.


Über mir schwebt ein Zeppelin.

#################################

Kriegsschiff auf rauer See
„Das also ist mein Leben.“, denke ich, „rauchend süßen Kaffee mit viel zu viel Milch zu trinken“. In meinem Kopf rennen Landschaften vor meinem inneren Auge davon. „Will ich mich verlieben? Will ich ein Mann sein? Eine Frau? Was heißt das? Wo ist Ruth in dem Ganzen? Schmeck‘s Krapferl!“ Wie sollte ein Zeppelin in diesen Stürmen Kurs halten können? Wie sollte ich wissen, dass die See über dem hypertheoretischen Dänemark so rau-h ist?

Ich sollte mehr Texte über das Leben in Wien schreiben.

Ein Güterzug fährt durch. Wenn ich geradeaus blicke, flasht mich der Anblick der bunt bedruckten Container total. Werden Container bedruckt? Ich versuche über diese Frage nachzudenken, muss unwillkürlich einen Schritt zurück gehen, merke dabei nicht, dass ich schon gegen dem Betonblock, der glücklicherweise im Weg steht und meinem Rücken ergonomischen Halt bietet, laufe, weil mich der Anblick so in seinen Bann zieht, dass mir schwindlig wird. Wenn ich meinen Blick etwas abwende und schräg auf den schnell fahrenden Zug schaue, kann ich die Werbeaufdrucke lesen und dieses fiese flüssigkeitsgefüllte Organ in meinem Innenohr sendet keine verwirrenden Signale an mein sowieso schon verwirrtes Gehirn. Vestibularapparat. Allein das Wort schon. Vestibularapparat. Ist es überhaupt ein richtiger Apparat?
Gegen den Betonblock gepresst blicke ich wieder nach vorne und lasse den brachialen Eindruck auf mich einwirken. In diesem Moment scheint es das visuelle Äquivalent zu „Vom Zug überfahren werden“ zu sein. (Das stimmt nicht. Der Gedanke ist mir jetzt, beim Schreiben gekommen. Aber was heißt denn „in diesem Moment?„, frage ich euch, durch die vierte Wand hindurch!)

Ich suche auf Amateurvideopornoseiten nach bekannten Gesichtern. Ungute Vorahnungen, im Nachhinein betrachtet. Als hätten verwackelte Handyvideos irgendetwas mit der Realität zu tun. Die Realität ist, wie wir alle wissen, völlig haarlos, schönheitsoperiert, mit glänzendem Öl gefettet und von der ersten Berührung an laut stöhnend in HD gefilmt. (Zu viel Porno? Fickt euch, hahaha!) Ich kann nichts dafür, aber es ist meine Schuld.

Zeppelin über Bergen

Das Zeppelin droht, abzustürzen. Zum Glück ist das Steuer kein Rad, sondern eine goldene Schreibmaschine mit tausend goldenen Hebeln. Ich sitze – nicht unbedingt vor Fachkenntnis strotzend – vor dieser Apparatur, aber der Quecksilberstreif am Horizont leuchtet schon golden in einer sich öffnenden Wolkengasse.

Mit einem Male stehe ich wieder am Strand des Meeres der Verzweiflung. Ein trauriger, unheimlicher Ort, den ich nicht selbst erfunden habe und dessen Existenz ich beinahe vergessen hätte. Ein zufällig gelesener Kommentar bringt mich darauf, dass eine geheime Botschaft hinter diesen Filmen stecken könnte, die mich wieder einmal völlig flashen. Ich könnte auch sagen, sie hätte mein Gehirn total gefickt, aber ich schreibe ja zu viel über Sex, wenn ich mich auf die Meinung derjenigen, die es sich trauen, das auszusprechen, vertrauen kann. Die schweigende Mehrheit sagt selbstverständlich naturgemäß nie etwas dazu.
Rotes Meerwasser umspielt meine Knöchel. Ein guter Pirat … Ich versuche, all diese schrecklichen Gedanken mit „Blub“ zu vertreiben. Manchmal schreibe ich auch „BLUB“ auf meinen Notizblock oder sonstiges Papier, wenn ich nicht laut reden kann oder will. Oft funktioniert das. Fragt sich nur, ob die Luftblasen, die ich dazu denke, über die Oberfläche steigen oder ob die Gedanken nur sinken wie leckgeschlagene Erdöltransporter und am Grund verbleiben wie Seeminen, aus denen man später Möbeln bauen wird, falls sie entgegen aller Erwartungen nicht detonieren und mich – zumindest metaphorisch – in Stücke reißen. Oder hässliche Flecken auf Textilien hinterlassen.

Der Baron von Luxemburg

Der Baron von Luxemburg

Vor der Bim-Haltestelle stehen Betrunkene mit fettigen Haaren, singen zuerst, reden dann über Zeitalter, sie das dritte Bier wegen dem dritten Jahrtausend, in dem wir uns befinden, er schon das Zwölfte. Die Zukunft hat schon begonnen. Unnötig zu sagen, dass sie beide betrunken sind, aber wie auf anderen Drogen wirken, oder zumindest wirkt das, was sie sagen, so. Nach dem kurzen Ausflug in die komplizierte Geometrie der vierten Dimension geht das Gespräch über historische Figuren. Ich kann meinen eigenen Gedanken derweil nicht folgen und erzähle wie automatisch von Ruth, die anscheinend mal wieder in der Stadt ist. Iwan der Schreckliche war kein Gläubiger, war Atheist. Ein Perverser war er! Hat dem Groszkni mit dem Florett den Damm aufgeschnitten. „Einmal ließ er einen Fürsten in ein Bärenfell einnähen und auf das Eis bringen. Als seine großen Hunde den vermeintlichen Bären in Stücke rissen, belustigte der Zar sich so sehr, dass er vor Freude nicht wusste, auf welchem Bein er stehen sollte!“ Katherina die Große war da ganz anders, die war gottesfürchtig und steht heute noch im Ruf, sexbesessen und machtgierig gewesen zu sein. Sie lallen, aber ich, ich will auf die Bank springen, mit wehendem Umhang, will schreien:“ICH BIN DER BARON VON LUXEMBURG! ICH WOHNE DORT OBEN AUF DEM BERG UND SPIELE MERKWÜRDIGE SPIELE MIT PENDELN! SUPERDOPE! NIEMAND SOLL MICH DARAN HINDERN ZU SCHREIBEN, DENN FÜRWAHR ICH BIN DER ADELIGE, DEN MAN DEN BARON VON LUXEMBURG NENNT!
Ruth würde darüber nur lachen. Mein Basilikum ist verdorrt. Und mein neuer Freund, Persea gratissima, voll mit hoch-giftigem Persin, versucht mir zu entwachsen. Das an meinem Daumen scheint nur Farbe zu sein.

Ich überlege schon länger, mir Tee zu kochen. Beschließe immer wieder, es zu tun, vergesse es aber dann direkt wieder. Wenn es mir wieder einfällt, muss ich aufs Klo und vergesse es auf dem Rückweg wieder. Ein Teufelskreis, den zu durchbrechen ich nicht die Kraft habe.

Gänsehaut an meinen Knöcheln. Ich zittere, das rote Wasser ist kalt. Die Zigarette (obwohl ich ja überhaupt nicht rauche!) verformt sich zwischen meinen Fingern. Ruth. Ich spüre ihre Anwesenheit, ich weiß instinktiv, dass sie mein Revier betreten hat. Nur zu gerne würde ich mit ihr treffen und sie zum Duell auf Leben und blaue Flecken mit diesen Versandrollen, in denen man Poster verschickt, auffordern. Aber eigentlich bin ich nicht wegen ihr nervös. „Eigentlich“, sage ich mir, „sollte ich überhaupt nicht nervös sein! Ich sollte aufrecht, mutig und voller Tatendrang sein, ein kraftvoller Bursche in seinen besten Jahren!“.

Mein Bett ist groß und leer. Aber immerhin bequem.

Durch mein Hirn kriechen garstige Insekten aus dem Weltraum, in sauerstoffangereichterter Umgebung hochgezüchtet auf unglaubliche Größen. Ersticken können sie, dank Tracheenatmung, nur schwerlich. Ich suche verzweifelt nach einer Tube Bauschaum. Ich müsste mir einen extra langen, dünnen Aufsatz bauen, den ich in meine Nase, denn durch das Ohr geht es wegen übermäßiger Liebe zu meinem Trommelfell nicht, schieben könnte und mit dem ich den Viechern dann Baumschaum in ihre Atemorgane spritzen könnte, so dass sie ersticken und mich nicht länger belästigen würden!

Schiff im Sturm

Zum Abschluss spielt Mozarts Requiem (KV 626). Das große Finale findet nicht statt.

Zugfahrt.

Entgleister, alter Zug

Mit einem Rucksack in einem sehr großen, langem Zug. Auf der Reise, offenbar. Ich weiß nicht mehr genau, mit wem, aber ich kannte nicht alle Leute der Gruppe. In einem bestimmten Wagen gibt es einen Friseursalon, und da sollten wir hin, nachdem wir die Rucksäcke offenbar irgendwo verstaut hatten.
„Ein Friseursalon in einem Zug, was für eine verrückte Sache!“, dachte ich, wagte es aber nicht, es laut auszusprechen. Denn der Friseursalon sah überhaupt nicht so aus wie ein Friseursalon, sondern eher so, als hätten Hippies einen komplett leeren Eisenbahnwagon eingerichtet. Holzboden, Sitzkissen, bunte Tücher.

Wir setzten uns, beim Hinsetzen fiel mir an meiner Umhängetasche ein Button auf. „A&S“ steht drauf, aber es war kein gewöhnlicher „Angscht a Schrecken zu Lëtzebuerg“-Button. Es war größer und als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass die Abkürzung für „Awe and …“ stand. Versuchte da jemand, mich zu diskreditieren, war das ein Angriff auf mich oder nur ein merkwürdiger Zufall, so wie damals, als die Buffy-Musical-CD in meinem Rucksack landete?

Ich blätterte in einem Buch. Ein englischer Text beschrieb meine Geschichte. Die Kamera fuhr nach oben, über den Zug, in die grauweißen Schäfchenwolken, eine Hexe wird sichtbar. Sie thronte über allem, wie einst Saruman über Isengard. Aus ihrer magischen Feste hoch oben auf einem schneebedeckten Berg beobachtete und verwünschte sie mich. Sie schickte gefährliche Artefakte, um mich zu kontrollieren oder gar zu töten. War dieser merkwürdige Button eins dieser Artefakte?

Plötzlich stand ich I. gegenüber. Sie wirkte erfreut, mich zu sehen, lächelte, stand auf um mich zu begrüßen und küsste mich auf den Mund. Ich setzte mich verwirrt auf eins der großen lila Sitzkissen.

In einem anderen Zug werde ich halbnackt beim Sex erwischt und zur Strafe mit schaumigen Sperma eingerieben. Die Frau neben mir muss Ruth sein, denn ich erkenne sie nicht.

Das Zentrum des Universums

zentrumdesuniversums

Der Zug, in dem ich sitze, atmet leise ein und aus. Kaum hörbar sein elektrisches Stöhnen, das unnatürlicher nicht sein könnte und dennoch so vertraut ist.
Es ist kaum zu glauben, wie gut Menschen einem tun können. Noch immer euphorisiert von diesem strahlenden Sommerende, das irgendwo im krächzenden Gebälk zwischen nicht identifizierbaren Bildern in staubigen Rahmen stattfand.

Und da stehst du. In Paris, auf der Défense. Du erwartest gerade zu, dass Alarmsirenen ertönen und die Hochhäuser langsam im Boden versinken. Hier wird dir das Ausmaß deines Sieges erst bewusst. Unwiderruflich ist er, endgültig. Die Kräfte des Guten und Richtigen gegen Alt und Böse. Bisher die höchste Hochwassermarke. Niemand kann dir das nehmen. Hochgefühl. Die Freiheit, das Volk zum Sieg führend. Apotheose, zeitweilige. Jemand sollte deine Heldentaten als Fresko an die Decke einer großen Halle malen!
Alle roten Zeichen sind weggewischt.

Und da stehst du. In dem Tesserakt, diesem Hyperkubus der vierten Dimension. Und du weißt: Dies ist das Zentrum des Universums. Da hoch oben, an der Decke der Grande Arche ist der wahrhaftige Aufhängepunkt für das Pendel.
Die Erkenntnis ist so großartig, dass sie dir erst vier Wochen später bewusst wird. Für einen kurzen Moment atmest du Strings, die drohend glühen und dunkle, graue Asche überall hinsauen.

Es muss doch einen Weg hier raus geben. Zu viel Verwirrung hier. Der kahlköpfige, vietnamesische Weltraumnazi hinter der Theke dieser Waikikibar inmitten von Amsterdam sah uns grinsend an. Er wusste ganz genau, was los war.
Auf der Straßenkarte nur ein einziger Name. Selbst für dieses grinsende Scheusal habe ich im Nachhinein noch Verständnis, gar Mitgefühl. Diese Wanderung war nötig. Sie war die Reise zum Zentrum des Universums, an dem ich eine Woche zuvor gewesen war. Zeit ist nicht stringent, nicht linear. Schon gar nicht in Schwingungsnähe vierdimensionaler Hyperkuben.

Eine weitere Reise. Im Auge des Sturms. Ciao Bella.
Diese Stadt liebt mich. Mir wird bewusst: Es war nicht ich, der Sehnsucht hatte, wie einst nach dem Meer, nach der Sonne, nach Kalkfelsen und Rosmarin, sondern sie, die Stadt, die mich vermisste und mich zu ihr gerufen hatte. Ich sehe: das schönste Mädchen der Welt, Bier aus schenkend.
Dann. Eine Umarmung. Sie. A². Ich fühle nur Verlegenheit, Freude. Ich möchte ihr erzählen von meinen Reisen, aber dazu bleibt keine Zeit.

Wie immer vervollständigt sich die Geschichte erst später.
Wo bleibt der Herbst?

Foto aus Wikicommons (cc)

Vorgelesen: Eimer

Mal wieder ein wenig Vorlesecontent. Auch wenn für mich an den Dateien bzw. deren Entstehungsgrund mittlerweile ein schlechter Nachgeschmack klebt. Oder vielleicht auch gerade deswegen: Eimer ziemlich unperfekt vorgelesen.

[audio:http://soulzeppel.in/wp-content/uploads/2009/03/eimer.mp3]
Eimer mp3

Eimer

Ich möchte ein Eimer sein, in den sie alle reinkotzen.
Vielleicht bin ich genau dieser Eimer schon lange.
Das ist die schrecklichste Beschreibung für etwas, das so unglaublich schön sein kann.
Aber manchmal fühlt es sich doch genau so an.

Das Leben der Anderen hören, bereden, erleben, erzählen. Als wäre es dein eigenes.
Es ist doch aber ein Teil von dir und du bist ein Teil davon. Aber nichts von alledem ist ganz deins.
War je irgendetwas ganz allein mein?
Eine unendliche Umarmung im Angesicht der Ewigkeit, während eines Wimpernzuckens. Sekunden sind zu lange, um jene Augenblicke zu messen, in denen du dich in einem Stadium absoluter Klarheit befindest.
Wie ein Loch, das mit einer Stecknadel in deinen dicken Wattekokon gestochen wird.

Beschreibt man diese Phasen als Sinuskurve, so ist der gemeinte Moment exakt der, in dem die Auslenkung null ist.
Meine Haare sind schon wieder so lang. Und du hast keine Ahnung, was für eine Frisur du willst. Vielleicht war ein fast kahler Kopf dann doch besser. Roh sah das aus.
Mir fehlt jeder Zugang zu poetischer Sprache. Aber ist nicht Poesie das, was man nicht mehr beschreiben kann, die Sterne, die wir nicht sehen, weil zu weit weg sind, die Jupiterringe, die zu dünn sind, die Millionen von Mikroorganismen, die halbtot auf unserer Haut herumkrabbeln, ohne das wir auch nur die leiseste Ahnung davon haben, ob sie existieren oder nicht? Ist nicht das der Inhalt, den du jetzt nicht mehr auszudrücken vermagst?

Vielleicht, weil es außer Pickel nichts mehr auszudrücken gibt.
Ein eitriger, dicker Pickel auf der Haut meiner Seele. Man sollte ihn ausdrücken, mit allen zehn Fingern gleichzeitig. Auf dass der Eiter und das Blut nur so spritzen! Eklig soll es sein, so eklig, dass man kotzen möchte aber vor Ekel nicht einmal mehr fähig ist, die eigene Speiseröhre auch nur ansatzweise zu kontrollieren.

Menschen taumeln herum, fallen von der Bühne, von der Brücke, in den Abgrund. Eine roboterhafte Spinne klettert die Brüstung des Plastes hoch, auf den Balkon, wo sie die Flagge der Republik hisst. Hilflose Soldaten versuchen sie zu erschießen, merken aber, dass sie nicht einmal Patronen haben. Schnell verstaatlichen sie zwei Banken und ein Plattengeschäft und versuchen die Spinne mit Polyvinylchloridscheiben zu treffen.
Ich trete auf den Balkon meines Palastes und bekräftige noch einmal meine Souveränität.
Eiterflüssigkeit schwappt aus den überlaufenden Kanälen, in denen sich keine Schildkröten mehr aufhalten.
Eine Prozession aus meinen Erzfeinden, allen voran der diabolische Doktor Schredder, der seine Niederlagen nie eingestehen konnte.

Und ich dachte, diese Zeit wäre vorbei! Eine Musikkapelle begleitet den Zug, der schon seit fünf Minuten an einer Wand steht und nicht mehr weiterkommt.
Niemand kann das hier alles erklären und dennoch weiß jeder, was gemeint ist.

Und dann ist da Leere.

Rheinufer

Rheinufer, denke ich. Immer nur Rheinufer.
Ein Schiff mit bunten Girlanden zieht vorbei.
Du bist Ostern nicht Baden gegangen, hast dich nicht rheingewaschen und bereust das immer noch.
Rheinufer.
Dir fällt nichts ein, du blickst in den leeren, grauen Himmel und auch von da fällt nichts, kein Regen, kein Meister, keine Inspiration.
Rheinufer.

Rheinufer (cc by phototram)

Diese Stadt hat dir schon einmal nicht gut getan, dich in den Wahnsinn getrieben.
„Du Ratte!“. Irgendwo spricht jemand mit einem Telefon.
Ein schneeweißer Dom, Bahnhofskapelle, mit dem Dreck nur von Friedenstauben.
M., L., S. und B. verschwinden in einem U-Bahnschacht. Wie Rohrpost verlieren wir uns. zwischen zwei Rheinufern.
In meinem Kopf nur Ufer und U-bahn, nur Stadt und Plan, alles kreist sich um die Engel des Elfenbeinturms.
Als gäbe es keine andere Zeit. Es bleibt doch immer noch ein Ticket, eine Wegbeschreibung, ein Kölsch, ein Gedanke, ein anderes Mal, eine Decke, ein T-Shirt, ein Stift, ein Block, eine Lampe, sonst nichts.
Der Kreist schließt sich. Am Rheinufer?
Das ist nicht wahr.
Die Straße, die alle Romantik besiegt, führt nach Luxemburg.
Wie gut, dass ich die Bahn nehme.

(Photo cc by phototram)