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And all that could have been

Du sitzt im Zug (mal wieder!) und denkst, dass du wieder etwas schreiben möchtest. Anderseits überwiegt das Gefühl, sich nicht mit der momentanen Situation beschäftigen zu wollen.

Dein Spiegelbild im Fenster wirkt fremd, eine andere Person, die du merkwürdigerweise auch bist. Eigentlich hattest du ein Hörspiel hören wollen, um nicht denken zu müssen und von einer menschlichen Stimme getröstet zu werden. Und dann: iPod auf shuffle, Entdeckungsreise durch die Musikgeschichte.

Bedeutet ein Frisurenwechsel irgendetwas? Vielleicht repräsentiert ein kahler Kopf auch die Leere in dir, unbewusst, unterbewusst, gewusst?
Wobei »leer« vielleicht auch nicht das richtige Wort ist.

Es ist einfach das Gefühl, das da etwas fehlt, die Sophia, die Muse, ein mythologischer Nordpol, zu dem du dich drehen kannst, während du deine atheistischen Gebete sprichst.
Als ob das erstrebenswert wäre. In Wahrheit sind doch da ganz andere Dinge, die sich viel mehr gewünscht werden. Oder? Eigentlich weißt du das selbst nicht so genau. Alles sind lose Enden und Puzzlestücke und Scherben und Blut und Gedärme.

Ich möchte mein Universum wieder aufbauen und lustige, einfache Sci-Fi schreiben, aber ich kann das nicht, weil weil weil…
(Notiz an mich selbst: Zar enthaupten. Vielleicht auch Mond und Sterne.)

Das foucaultsche Pendel im Conservatoire des Arts et Metiers in Paris

Du hast das Pendel gesehen und bist davor zurück geschreckt. Alles, was bleibt, sind grobkörnige Fotos und die Gewissheit, dort gewesen zu sein, es gesehen und gespürt zu haben.

Vielleicht ist das auch der Grund. Nachdem du die allerheiligste Reliquie deiner Mythologie gesehen hast, bleibt da nichts mehr. Es sei denn, du könntest die Welt im Innern eines gigantischen Kampfroboters retten.

Das Gefühl der Ungewissheit ist der Gewissheit des Ungefühlten gewichen. Einsame Autofahrten durch dunkle Wälder, wütend-traurige Gespräche über Sinn und Zweck und Schmerz und Narben und die Dinge, die hätten sein können.

Immer, immer wieder dieses Bild der Wegkreuzung irgendwo am Waldesrand in M., die stellvertretend dafür steht, dass man immer nur einen Weg gehen kann und dir Geschichten, die hätten sein können, Bände in unsichtbaren Universitäten füllen und jedes Mal ein Paralleluniversum bevölkern.

Alle Bibliotheken sind voll mit Büchern, die du nie lesen können wirst, voll mit Geschichten, die dein Herz nie berühren, deine Inspiration nie nähren werden.
Und dennoch möchtest du nur noch welche schreibe, um ein weiteres Regal zu füllen.

Lichter funkeln in der Dunkelheit. Tote Sterne oder weit entfernte Städte? Vielleicht letzten Endes das Gleiche: Orte, die du nie besuchen wirst.

Und dennoch geht die aussichtslose Reise zum Fixpunkt des Lebens weiter.

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(Ach, hatte ich erwähnt, dass die Geek-Hütte nun endgültig geschlossen ist und ich meine letzten Tage hier in Marseille nun wifilos verbringe?)

Cité Universitaire de Luminy, Marseille, France

„Warwalking“ könnte man es nennen, analog zu „Wardriving“. Verzweifelt bist du über den Campus gelaufen und hast versucht, einen freien Hotspot zu finden. Schlussendlich bist du vor der Uni gelandet, für deren offenen Hotspot man nichtsdestotrotz einen Account braucht, den du nicht hast. Ansonsten hast du nur geschlossene Netze gefunden, von denen du dich fragst, woher sie kommen, immerhin haben die Zimmer keinen Telefonanschluss. Aber vielleicht lösen sich solche Probleme von ganz alleine, wenn man genung Geld auf den Tisch legt und einen gültigen Studentenausweis auf den Tisch legt.
Und da du heute abend beschlossen hast, dass es schon zu spät und zu mühseelig sei, sich noch in die Stadt zu begeben um irgendeine brauchbare Kneipe zu finden, wirst du diese Nacht lang das tun, was du am Besten kannst: „Drunk Writing“.
Das letzte Bier, irgendein merkwürdiger Desperados-Mix mit Limone, der zwar nicht schlecht schmeckt, aber (für Desperados) kaum Alkohol enthällt, steht im Gemeinsschaftskühlschrank. Ein riskantes Unterfangen, aber besser als warmes Bier.

Für den Durst ein Glas Pastis. Oder eine Teetasse Pastis, denn da man Gläser nur im Dreierpack kaufen konnte, hast du dir einfach eine gläserne Teetasse gekauft, die ihren Zweck ebenfalls erfüllt. Wenn man für kurze Zeit in deinen Verhältnissen wohnt, darf man nicht auf Luxus pochen. Für später steht eine Falsche Apfelwodka bereit, die du nur gekauft hast, weil sie im Sonderangebot war und ungefähr 15 Euro weniger als normal kostete. Ob das ein Grund ist, sich mehr als sonst die Hucke volllaufen zu lassen und seine wirren Gedanken in einen Computer zu hauen und später ins Internet zu jagen, sei dahingestellt. Vielleicht können wir uns im Laufe der Nacht ja noch weiter dieser Frage widmen.

Du schwitzt. Das wird nicht besser werden, auch wenn die Kühle der Nacht, die das Land beinahe schon in Besitz genommen hat, so langsam anfängt, ins Zimmer zu kommen. Im Zweifelsfall ein weiterer Spaziergang mit dem Laptop, diesmal mit Flasche und anderen Intentionen.

Süchtig nach dem Internet?
Das Internet ist nur die billigste und in manchen Fällen die einzigste Methode mit Menschen, die mir lieb und teuer sind, Kontakt zu haben, mit ihnen zu reden, Gedanken auszutauschen und letztendlich auch Texte reinzustellen und zu hoffen, dass jemand einen Kommentar drunter setzt. Ich bin mit euch in…
Vielleicht ist das eine „Sucht“ nach menschlichem Kontakt, nach Gedankenaustausch, nach Fragen und Antworten, die Gewissheit, dass immer jemand „da“ ist, der liest, was man schreibt/denkt/fühlt/schreibtdenkt/fühltschreibt. Fühlschreiber. Schreibdenker. Schreibfühler. Wie die Fühler eines menschlichen Insektes, das in seinem Chitinpanzer vor einer Schreibmaschine aus glänzendem Kupfer sitzt und seine Gefühle in sie reintippt, mit stoischer Ruhe, wie sie nur ein Insekt haben kann, das weiss, dass es geschützt und klein ist und deshalb keine grossen Schritte machen kann.
Das Gegenteil von mir, gehetzt von Gefühlen aus einem dunklen Schlund in mir, aus der Tiefe, getrieben vom Pendel das ich in Paris sah und dessen Anblick ich nie vergessen werde, zusammen mit dem Schreckensmoment der SMS, die mich in eben diesem Moment der Ehrfurcht und der Verbeugung vor dem Pendel, genau um 12 Uhr Mittag, erreicht, mit der Frage, ob ich nicht zufällig wegen dem Pendel im Paris sei.
(Ich hatte „Da endlich sah ich das Pendel…“ getwittert und meine Tweets waren zu dem Moment wegen meiner Kanadareise sofort auf meinem Blog angezeigt worden, so dass der grosse Zufall nur war, dass die richtige Person zum richtigen Moment mein Blog aufgerufen hat, aber so ein Schock muss erst einmal verarbeitet werden.)

Anisgeschmack. Gibt es nicht diese klugen Ratschläge in Elternzeitschriften, doch keine Speisen mit Bier oder Wein für ihre Kinder zuzubreiten, damit diese sich nicht zu sehr an den Geschmack von Bier oder Wein gewöhnen? Und was ist dann mit Lakritze, die für Kinder sehr viel mehr erstebenswerter ist als eine Biersosse oder ein Risotto mit einer feinen Weissweinnote. Vor allem ist Pastis hochprozentig, schmeckt aber verdünnt relativ schwach bis gar nicht nach Alkohol, dafür aber sehr nach Anis bzw. Lakritze.
Für Kinder und trockene Alkoholiker gibt es hier in Marseille auch Anissirop, zB. den wunderbaren „PACIFIC“ von Ricard. Auf der Flasche ist unter dem Namen ein Segelschiff in voller Fahrt abgebildet und es sind die Worte „FORCE ANIS“ zu lesen. Ich finde das wunderbar, weil es so einen martialischen Charakter hat, der zugleich in der Segelschiffsymbolik wieder vollkommen friedlich gesehen werden kann. Als würde das Schiff nur deshalb so schnell fahren und immer guten Wind haben, weil sie Seeleute alle nur alkoholfreien Anissirup trinken und es damit schaffen, den Pazifik in einer Woche zu überqueren.

Vielleicht ein kleines Go-Spiel, dann das Bier und der Versuch, weiter etwas mit Ina zu machen?

Ich bin so schlecht in diesem Spiel, der Computer schlägt mich jedes Mal. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Regeln nur zur Hälfe gelesen habe, weil ich mich beschäftigen wollte und nicht irgendwelche merkwürdigen philosophischen Begriffe lernen wollte. Oder weil eins der stärksen Go-Programme überhaupt selbst auf niedrigster Stufe noch ziemlich schwer zu schlagen ist.

(Das Bier. Es dürfte kalt sein)

(Es war nich da. Niemand kümmert sich um diesen Kühlschrank. Von überall her hörst du lachende Stimmen und Leute, die laute Musik spielen. Da ist es relativ deprimierend, nun alleine hier zu sitzen. Aber immerhin hast du ein kaltes Bier.)

Es ist Vollmond. Und immer noch, trotz vollständiger Dunkelheit und weit offenem Fenster, viel zu warm hier drinnen. Es gibt keine Alchemie des Öffnens und Schliessen die wirkt, wenn es quasi keine Isolation gibt. Ich frage mich, wie es hier wohl sein mag, wenn es einen relativ kalten Winter gibt. Und ob das Dach regenundurchlässig ist.

Nach einer Runde von diesem merkwürdigen Mechwarriorspiel ist es kurz nach Mitternacht, Samstag morgens also. Und du hast diesen Wodka aufgemacht und herausgefunden, dass er trotz Apfelgeschmack immer noch Wodka ist und deshalb nicht wirklich pur getrunken werden kann (Es sei denn, in einem Schnapsglas, eins nach dem anderem, immer die Kehle hinterunter, als gäbe es keinen Mund.)
Wie es sich Traubenzuckerhersteller nur wünschen können, wirkt das Zeug sofort. Das Schöne: Es macht den Kopf für einen seltsamen Moment lang klar, wahrscheinlich sind das Glücks- oder Stresshormone, die die Leber oder den Magen oder sonstige Verdauungsdrüsen aktivieren sollen. Da die Botenstoffe wahrscheinlich im Gehirn gebildet werden, wird dieses mit aufgeweckt und so kann der Wodka (der übrigens aus den USA stammt, was ich merkwüdig finde) für kurze Zeit wach machen, ehe die einfschläferenden, lähmenden Wirkungen des Ethanols zu wirken anfangen. Man muss sich immer im klaren sein, dass Ethanol eine Droge ist und man sich bei Hochprozentigem auf eine Art Trip begibt. Wo hört „Rausch“ auf und wo beginnt die Grenzerfahrung?
Ich sehe mich selbst tanzen, inmitten einer Menschenmenge, anonym, nur Dekoration. Es gibt nur mich und die Musik.

(Kurz blitzt der Gedanke, hier doch eine Privatdisko zu veranstalten, auf, wird dann aber von einem letzten Funken Realismus getötet, der auf die fehlenden Lautsprecherboxen aufmerksam macht.)

„White Rabbit! White Rabbit!“ brüllt jemand in der Tiefe des Brunnes und dann beginnt das große LSD-Symphonieorchester zu spielen…

Was werden die Leute wieder denken, wenn du von deinen einsamen Trinkekzessen schreibst und quasi live berichtest, wie du deine Magenwände mit hochprozentigem Ethanol auflöst und es dir egal ist, weil, du lebst ja heute, jetzt, in dieser viel zu heissen Nacht in Marseille, und nicht dann, wenn deine Magenwände es dir heimzahlen.

Tanzmusik. Oder auf jeden Fall schnelle elektronische Musik zweifelhafter Qualität. Aber für die Stimmung genügt es. Was für eine Stimmung eigentlich? Und möchtest du nicht lieber eine ganz andere Stimmung haben, um im anderem Fenster an dem Text zu arbeiten, der dir viel mehr bedeutet als dieser potentielle Kündigungsgrund (Wie gut, dass du keinen Arbeitsgeber hast!)

Ein untrügliches Zeichen für kurzweiligen Wahnsinn: Man mischt irgendwelche unpassenden Getränke zusammen und schreibt dann darüber, ohne sich wirklich Gedanken zu machen. Der Teil meines Gehirns hinter meiner Stirn beginnt, unter dem Ethanol zu leiden. Es sind keine Kopfschmerzen, wahrscheinlich eher ein Anschwellen, versuchen, der Leber klar zu machen, dass viel zu viel von dem Gift im Blut ist, was sich vor allem auf die Orientierung und das Gleichgewicht auswirkt, im Moment. Wie gut, dass ich sitze.
Mein Mix Pastis-Wodka-Grenadine-Wasser hat eine gelb-orange Farbe und schmeckt teilweise gar nicht mal so übel, teilweise nur nach Alkohol. Hätte das Zeug zu einem Drink, vielleicht ist es auch einer. Obwohl Apfelgeschmack eher selten in Longdrinks ist, wieso auch immer. Wahrscheinlich zu banal, nicht exotisch genung, es muss schon der Geschmack von Sternfrucht oder Kiwis sein, um interessant und neu und aufregend zu sein.

Ich stelle mir vor, ich sei im Weltraum und drehe mich um meine eigene Achse.
Und schon habe ich das Gefühl der Drehung, obwohl ich fest auf meinem unbequemen Stuhl in meinem viel zu kleinen Zimmer im Studentenwohnheim in Luminy in Marseille sitze. Hoffe ich auf jeden Fall.

Es zieht mich nach draussen, was vorerst mit einem Besuch am Fenster kompensiert werden muss. Ich bin definitiv zu betrunken, um den Weg nach draussen zu finden, ohne jemanden anzuschreien oder zu beleidigen.
Besser wieder hinsetzen. Der Alkohol hat dich von jedem Gefühl von Schwindel befreit, so dass du nicht nur bereit bist, senkrecht in die Tiefe zu schauen und dich wahrscheinlich auch trauen würdest, aus dem Fenster zu springen, nur um zu sehen, wie tief es wirklich ist und welche Auswirkungen ein Sprung aus 15 Metern Höhe auf den menschlichen Körper haben. Kann man das irgendwo im Internet simulieren?
Fast verdrängt dass es hier kein WLAN gibt. Oder? Schnell mal nachschauen.

Nichts. Auf jeden Fall nichts brauchbares. Wer auch immer meine Hoffnung mit diesen verfickten Computer-to-Computer-Netzwerken füttert, gehört ordentlich geschlagen. Oder so.

So schnell lassen sich 10.000 Wörter schreiben. Man braucht nur einen willenlosen Schreiberling mit zwei flinken Händen und genung Alkohol, um ihm die Worte zu entlocken. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die motorische Fähigkeit, die Hände über die Tastatur gleiten zu lassen, nicht zu leiden darf. Wobei das bei den meisten Schreiberlingen eh im Schlaf geht und sie selbst mit merkwürdigen französischen AZERTY-Tastaturen klar kommen und auch mit kleinen und winzigen Laptoptastaturen kein Problem haben, so lange sie oft genuch durch Klabbern und Klicken Feedback über ihr Schaffen bekommen.

Die Musik („Busted in Bulgaria“ von einem gewissen Jim Guittard) inspiriert nicht. Im Gegenteil, sie ermüdet den feinen Geist, der voller Weingeist ist.
Was anderes, inspierendes lässt sich aber auch nicht wirklich finden. Vielleicht sollte sich der müde Körper schlafen legen, um dehydiert und voller Ideen zu erwachen. Nicht wirklich die Idee dieser Nacht, aber es ist immerhin schon fast ein Uhr und das Ethanol beginnt zu wirken. Anderseits könnte man etwas kochen…

Verlassen

[0806011709]
Ich verlasse diese Stadt und fühle mich nicht gut dabei. Nach längeren Reisen überwiegt meistens dann doch die Freude, mal wieder nach Hause zu können. Aber heute ist das das erste Mal überhaupt nicht so. Da in T. sind Freunde, ehemalige Affairen, »liebe Menschen «, mit denen man sich verbunden fühlt und es schmerzt, nach so kurzer Zeit wieder zu gehen und zu wissen, dass ein Teil von einem dort bleiben wird.
Vielleicht ist es auch einfach, weil kein Zuhause mehr da ist, weil ich andauernd auf Reisen bin.
[Ich schreibe lieber auf meinen Knien als auf dem Tisch, irgendwie.]

Mein Magen rebelliert. Aber wogegen eigentlich? Das Essen war gut, ich habe genügend und abwechlungsreich getrunken und habe auch nicht an suspekten Dingen rumgeleckt.
Psychosomatisch, möglicherweise.
Ich möchte jetzt eigentlich noch weiter mit meinen Freunden aus T. auf der Terrasse sitzen, Limo oder Kaffee schlürfen und über alles mögliche diskutieren.
Irgendwann mal wiederkommen. Am liebsten im Sommer, am liebsten sofort, am liebsten überhaupt nicht wegfahren.

Und dann sagst du deiner rebellierenden Verdauung und deinem kribbelnden Körper, dass du die Erinnerung bewahren musst, die Luft, die du geatmet hast, die Bilder, die du gesehen hast, die Musik und die Worte, die du gehört hast, jede Berührung und Umarmung, die du gefühlt hast musst du in deinen Zellen und deiner DNA abspeichern, damit du sie nie vergisst.

Und das ist das Schöne. Die Fähigkeit, Erinnerungen zu bewahren wie mystische Einmachgläser. Die Inspiration, die über sämtliche Nervenbahnen kriecht und neue Verbindungen schafft und dass neues entsteht.
Fast wie die Vögel, wie Seemöwen.

Unterwegs

[0805261822]Kryptische Symbole auf dem Tellerrand der Seele.
Ich bin nur noch unterwegs. Home is where your luggage is.
Und immer kommt Geld von irgendwoher, du verlierst die Perspektive. Stählerne Metawürmer verschlingen dich, verdauen dich in ihren rasenden Innereien zwischen Bordbistro und Dynamo. Transkontinentale Flüge, und du musst dir nur im Eilverfahren einen Pass ausstellen lassen.
Du verlierst die Perspektiv, fühlst dich irgendwie nicht mehr daheim, denn du bist ein Nomade.

Aber war das nicht dein Wunsch?

Die Perspektive zu verlieren über der kalten Nordsee, wo die feine Linie zwischen Horizont und Meer, zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Pepsi und Cola, zwischen Leben und Tod nicht zu erkennen ist?

War es nicht dein Wunsch, ein einsamer Wanderer zu sein, über dem Meer, ewig auf der Suche nach deiner Insel? Ich bin der Nemo der Lüfte! Call me Captain, Baby! Sub umbra alarum tuarum!

Du hast die Perspektive verloren und niemand ist da, dem du es erzählen könntest. Vielleicht hast du nicht nur die Perspektive verloren, sondern auch andere Dinge, Menschen, Gefühle.

An der Bahnsteigkante sitzt ein Jazz-Yogi und meditiert.
Auf den Leitungen sitzen Raben und trauern alten Zeiten nach.
Am Fahrkartenschalter verkauft ein Insektenwesen Zeit auf Raten
Pinkfarbene Mobiltelefone verbinden Kontinente auf der Metaebene.
Abstrakte Denkmuster fließen aus meinen Ohren.

Ich erwache in dem Plastiktraum.
Hier ist alles unsinnig, selbst meine Brustwarzen.
Die Sonne scheint und der Traum beginnt zu schmelzen. Entschuldigen Sie, Herr Schaffner, aber meine Fahrkarte ist geschmolzen!
Plastikturbinen heulen auf, während Ken und Barbie eine wilde Knuschterei beginnen. Er hält ihren Kopf und reißt ihn von ihrem angeschmolzenen Hals. Ihr letzter Plastikschrei erstickt und es spritzt Plastikblut und -gedärme aus ihrem Halsstummel. Der ganze schöne Teppich ist ruiniert. Ein unwissender Greis setzt sich mit seinen Plastikhintern auf den beschmierten Sitz. Er ist inkontinent und so schmilzt er auf dem Sonnenplatz zu einer breiigen Masse aus Blut und Urin.

Meine Augen öffnen sich ein weiteres Mal. Ich stehe in einem dichten, dunkeln Nadelwald. Es ist absolut still. Paranoia kommt auf. Alle unterdrückten Kindheitstraumata vom bösen Wolf und kannibalischen Frauen stemmen meine Schädeldecke auf und schöpfen meine grauen Zellen mit Metaleimern aus meinem Kopf. Ich taumele blind und taub durch diesen Alptraum, um schlussendlich einzuschlafen, während ich mich langsam verpuppe.
Ich verwandele mich in einen ewigen Tausendfüssler, der von unten Frauen auf die Brüste stiert, die er nicht versteht, weil er ihre Sprache nicht spricht, und überhaupt &#x96 die meisten von ihnen mögen keine Männer!

Wärst du doch nur eine Schnecke geworden, die sind Zwitter und haben homo- und heterosexuellen Sex zugleich, sozusagen.
Dir fallen die Beine ab. Der Waldboden löst sich, krümmelt unter deinen Füßen, die du nicht mehr hast. Mädchen fassen sich gegenseitig ohne Scham an die Brüste und gewinnen offenbar Befriedigung davon, eine Zigarette nur zu halten.
Meine Hornhaut hat sich gelöst, ich sitze gesichtslose in großen Sälen und sage nicht.

Eine lose Sommerbrise.
Alles wird gut, sagt die Frau im Fernsehen.
Es ist warm. Ich bin ein Mensch. Sauerstoff füllt meine Lungen.
Hello, World!

Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide

Ich stehe überall und nirgendwo.
Ich bin ein Autor des Webs, der neuen Generation, immer online, immer erreichbar, nie da.
Ich habe mich verloren in den unendlichen Weiten des Internets, habe gesurft, gebrowst, habe in den großen Flammenkriegen gekämpft, in der Piratenbucht gerastet.
Ich habe mehr nackte Frauen gesehen als Casanova und habe dennoch nie eine von ihnen berührt.
Ich bin aufgewachsen mit dem Versprechen von vernetzen Kühlschränken, der ewigen Jugend und genetisch manipuliertem Gemüse, verlor meine Jugend in den dunklen Höhlen des IRCs und in Diskussionsforen, die mir wie erstrebenswerte Elfenbeintürme der eloquenten Diskussionskunst erschienen.
Ich bin umgeben von Technologie, spreche in mein mobiles Telefon, sende unsichtbare Botschaften durch den Äther, rede mit dem Mikrofon, fahre von A nach B mit Biozügen, höre Musik mit tragbaren Festplatten, haue Texte in Sekundenschnelle in die Tastatur, die fast zu langsam ist, um meinen Gedanken zu folgen.

Und dennoch sind meine Gedanken und Bilder zu tiefst organisch. Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ziert meine Stirn, darunter steht in kleinen Lettern »open here«.
Das getan, quellen Nervenstränge aus dem unter Druck stehenden Schädel. Wie organische Kabel verknoten sie sich um die Hände, fesseln den Körper, während die entsetzten Augen weit geöffnet zusehen, wie man sich selbst verschlingt. Das letzte, was sie sehen, sind die dicken Enden der Nervenstränge, die sich fühlerartig in die Augenhöhlen bohren, um sich mit dem Gehirn zu verbinden.

Man fällt kopfüber in flüssiges Silizium und wird zum Cyborg, Widerstand ist zwecklos. Unter den Achselhöhlen wachsen USB-Anschlüsse, Aus der Leber wird eine Festplatte. Ein Elektromotor ersetzt das Herz, zum endlichen Dynamo verpflichtet. Einzig das Gehirn wird nicht ersetzt, sondern mit Prozessoren durchwuchert. Geschlechtsteile werden durch Kabel bzw. Anschlüsse ersetzt. DNA wird künftig nur noch binär ausgetauscht. Human 2.0.

Ich schreie laut »Nein!« und renne mit laufender Kettensäge auf die Straße, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Niemand hört mich, aber es ist auch niemand da, denn alle sind dabei, ihre cybernetischen Träume zu träumen, während ich als einziger in das Auge der Kamera und der Pyramide geblickt habe und weiß, dass tote Menschen von der Decke hängen. Hier fängt es an kryptisch zu werden. Als wären deine eigenen Gedanken in einer unleserlichen Schrift verfasst.
Die Kettensäge verstummt.

Ich stehe auf einem Hochhaus, und I. ist bei mir. Sie brüllt mich an, während ich mich immer weiter der totbringenden Kante nähere. Ich habe ein wenig Höhenangst, wobei es sich vor allem um die Angst handelt, dass ich meine Brille verliere. Nichts wäre schlimmerer, als halbblind durch die Gegend zu torkeln und sich zu dem nächsten Optiker durchfragen zu müssen (außer vielleicht ein Genickbruch!). Alle Zähne der Kette sind stumpf, der Vergaser verstopft, der Kolben rostig.
Auf mich ist eine Pistole gerichtet, obwohl ich nicht sehe, vorher sie kommt.
Unten auf der Straße marschiert eine Armee von cybernetisch aufgerüsteten Menschen, während ein Verrückter aus einer Telefonzelle, in die ein altmodischer Sportwagen gekracht ist, fällt und sein Partner mit einem flammenbewehrten Gehstock auf die Veränderten einschlägt.
Diese Dinge sind nichts für mich, denn ich muss meinen eigenen Kampf ausfechten, bei dem ich zusehens die Waffen verliere. Alle Krüge brechen, aus ihnen fließt eine zähflüssige, rote Masse, die nach Sperma riecht und wie Blut aussieht. Kleine Insekten steigen an die Oberfläche, breiten ihre Flügel zum trocknen aus und schwärmen aus.

100 Meter unter dir: Kampflärm und Medikamentenmissbrauch.
Alles Gesagte mutiert zu grässlichen, fleischfressenden Dinosauriern, die in ihrer eigenen, heiseren Sprache rappen und sich gegenseitig verletzen. Ein Urmonster nach dem anderem wird aus den Dingen, die einst heilig waren.
Nicht einmal mehr das ewige Feuer brennt, wo ihr einst saßt und über Rasur gesprochen habt.

Es gibt keinen Grund mehr, zu kämpfen. Es gibt überhaupt keinen Grund für das Ganze. Man hätte diese Worte nie sprechen dürfen, nicht einmal denken. Du stehst auf dem Rand. Eine kleine Mauer, 5 cm höher als das Dach. Hinter dir der Abgrund, aus dem noch immer merkwürdig futuristischer Lärm zu hören ist.

Du stellst eine letzte, verzweifelte Frage.
In der Zeit zwischen deiner letzten Silbe und ihrer Antwort schwingt das Pendel in Paris einmal in und her. Du kannst es hören, vor einem innerem Auge sehen, die Luftbewegung spüren, du fühlst es in jeder Zelle deines Körpers. Vom Chor der Abteikirche von Saint-Martin-des-Champs im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris bis zu dir, auf diesem gottverlassenen Dach hoch oben über der Stadt voller Tod und Mikrochips dringt die Botschaft der völligen Klarheit. Du erkennst, wirst erleuchtet, atmest mit einem Male alles ein, was zu wissen gilt. Dein Gehirn kristallisiert für einen Moment zu einem vollkommenen Diamanten, und für diese kurze Sekunde ist für dich alles so schrecklich und furchtbar durchsichtig, dass du ihre Antwort nicht einmal mal abzuwarten bräuchtest.

Das einzige, was jetzt noch bleibt,
Nachdem sie den Mund geschlossen hat, springst du.

Ein Zeppelin fängt dich auf. Du fühlst dich wie Luke S., die Szene sieht in deinem Kopf so aus, als hättest du auch gerade deine Hand verloren. Dabei warst du kaum fünf Minuten bewusstlos.
Das Pendel wird schwächer. Der Kurs ist nach Island gesetzt.

Badezimmer

Das Badezimmer ist viel zu hell jetzt. Früher waren die Fliesen rosa und das warme, aber schwache Licht über dem Spiegel ließ einem das eigene Spiegelbild wie ein Polaroidfoto erscheinen, wie weich gezeichnet.
Es ist warm, als du herein kommst, einen großen Krug Tee in der Hand, obwohl du sie erst vor wenigen Minuten eingeschaltet hast. Du fragst dich kurz, wieso das Badezimmer so schnell heiß wird, während die Heizung in deinem Zimmer nur blubbert, das Zimmer aber ewig kalt bleibt.

Die Gedanken wirbeln wild durcheinander. Unerfülltes Sexualleben prallt gegen wiedergefundene Gedichte. Du liegst im Bett und wünschst dir, sie würde neben dir liegen, obwohl dort überhaupt kein Platz ist. Merkwürdige Flugblätter über vermisste Hunde. All deine Wünsche bedeuten nichts, denn du wünschst sie nicht wirklich. »Es ist einfach nur langweilig.«, meint sie und du weißt nicht, was du sagen sollst. Dazwischen die Flucht vor den eigenen Eltern, wie aus einem dieser Drogenbücher, die man in der Schule lesen musste. Unwirklich, ihre Stimme am Telefon. Du wolltest vorlesen. Die Sterne verschwinden im Regen, der alles verschluckt. Jetzt ist der Winter schon wieder fast vorbei. Sie spielt mit dem Gedanken, dir Texte zu zeigen. Das ist fast so gut wie Sex. Mit Zwanzig hat niemand mehr Illusionen. Du weißt noch, dass du geträumt hast, aber die einzige Erinnerung ist eine karamellfarbene Pampe, die wie aus einem Fleischwolf gepresst durch deinen Kopf zieht. Ein verwischtes Bild, auf in Großbuchstaben mit eben dieser Pampe »SEX« geschrieben steht. Alles unklar. Vielleicht ging es auch nur um Geld. Der Frühling, der Sommer, er wirkt bedrohlich. Unfälle auf den Vogelfelsen irgendwo am Mittelmeer. Wie lange kannst du dir das alles noch anhören?

Der Spiegel wirkt wie ein scharfes Messer, das die unbarmherzige, haarige Realität hervorzeigt. Vielleicht sehen alle anderen durch deine Kleider hindurch, erkennen das Monster, das sich darunter verbirgt, und das ist der wahre Grund. Das wäre nett, immerhin kannst du wenig dafür und bist dennoch Schuld. Das warme Badewasser lässt dich alles vergessen. Ein Krug voller Tee und ein Buch mit melancholischen Kurzgeschichten.
Dies ist der Himmel. Für kurze Zeit.

[0402082008]

»Musik«, denkst du, »Ich kann keine Musik mehr hören!«, und der Gedanke klingt als würdest du über irgendetwas reden, mit dem du dich überfressen hast.
Trotzdem ziehst du sofort die Kopfhörer an. Abschottung um jeden Preis. Eine dünne Schicht Geräusch umgibt dich wie eine schützende Fruchtblase. Abkapslung von der akustischen Realität. Vor allem kein Geschwätz mehr. Nur noch stumme Bandansagen im Zug, stumme Klingeltondiskos von Halbstarken, stummes Großmüttergeschnatter und stumme Stammtischparolen. Die Welt ist sehr viel erträglicher so. Wie immer, wenn man sich seine eigene Realität formt ?

Als du in den Zug gestiegen bist, hat dich ein Mädchen angesehen. Auf den ersten Blick zu jung, und du kannst nicht einmal sagen, was dieser Blick denn jetzt heißt. Auf jeden Fall scheint da irgendeine Form von Interesse zu sein. Aber du siehst dir auch immer die Junkies am Bahnhof mit einer gewissen Form von Interesse an. Du könntest dich sofort setzen, es gibt genügend freie Plätze, aber nein, du musst an ihr vorbei. Nur, um diesen Blick nochmal zu sehen. Egal, was er heißt. Das ist weder romantisch, noch neugierig, das ist einfach nur furchtbar egozentrisch ? und damit schon fast wieder arm.

Das Klicken von elektronisch per Chipkarten gesteuerten Türen. Schließen.
Déja-Vue. Déja-Entendu wohl eher. Kurze Haare, orange Rahmenbrille.
Das Bett gegenüber. Wieder eine Erinnerung. Die schlimmste Nacht deines Lebens.
Du hast die Brücke über den See damals nicht gefunden gehabt.
Dieses Mal sollte alles anders sein. Keine Versuchung, kein Drama.

Und all die Sinnlosigkeit summiert sich in einem einzigen langen Tunnel, durch den der Metawurm sich frisst. Diesmal ist es eher eine Made. Die Dunkelheit wirkt nicht einmal mehr bedrohlich. Alles ist so seltsam klar, als ob man die Welt durch eine frisch gewaschene und auf Hochglanz polierte Scheibe sieht. Oder wie mit eklig glänzender Gelatine überzogen.
Im Hintergrund artikuliert jemand laut Buchstaben, die Musik wirkt immer unheimlicher, während die Realität zu Kunstharz zerfließt und erstarrt. Geschmolzene Bakelittelefone pflastern den Weg des Autors, der jetzt völlig übergeschnappt ist.

Gibt es Einhörner?

Ich sitze in einem Konzertsaal und lausche einem klassischen Musikstück. Musik, von der ich nichts verstehe, die mich aber trotzdem irgendwie beflügelt. Außer mir ist niemand hier. Ich sitze alleine in diesem riesigen Raum, während das Orchester spielt, als wäre der Saal voll. In Neonbuchstaben leuchtet der Name des Komponisten und des Stückes über der Bühne. Ich kann mit dieser seltsamen Mischung aus Symbolen und Zahlen nichts anfangen – der Name des Komponisten scheint nur aus Sonderzeichen zu bestehen. Hier sollte meine Bühne sein.
Hier sollte ich als Hamlet, Othello, Kaufmann, Tod, Orpheus stehen.
Hier sollte mein Blut vergossen werden, hier sollte ich heiraten, hier sollte mein Drama stattfinden.

Irgendwo dröhnt ein billiger Kühlschrank. Vielleicht ist es auch nur das Surren eines Fernsehers auf dem Videokanal ohne Signal.
Hintergrundrauschen aus dem All. Die Verbindung zu Alpha Centauri ist schlecht, ich höre ständig meine eigene Stimme. Das andere Ende der Leitung versteht mich kaum. Im Radio: Billiger Telefonsex, während die Moderatoren auf den Tischen tanzen.
Diesmal rettet dich keine Atombombe. Diesen Alptraum musst du ganz alleine austrinken. Wie Bier mit zu viel Schaum.
Wollte sie dich betrunken machen? War das ihr Plan? Deine Zunge lockeren, um sie letztendlich zu verschlingen?
Dieses Blasinstrument sollte mit furzen aufhören, das würde ihm gut tun. Blähungen sind ein ernsthaftes gesundheitliches Problem, dem in unserer Gesellschaft viel zu wenig Achtung geschenkt wird. Verkaufen sie deshalb noch heute ihre Seele und erhalten sie ein zweites Gehirn gratis dazu!

Ist dies eine Folter, oder soll ich tatsächlich noch länger in diesem Traum bleiben? Der diabolische Dr. Faust hat sich mit anderen Superschurken verbündet, um meinen Schädel mit ihren antiken Folterinstrumenten zu öffnen und mein Gehirn zu untersuchen. Vielleicht pflanzen sie Chips ein, um meine Hände zu steuern, während ich schlafe?

Der Held der Oper tritt vor, fällt auf die Knie und bittet seinen Gott um Erlösung.
»Dein Wille komme, oh Spongebob!«
Statt mir trifft ihn eine Erscheinung und sein Geiste klärt sich auf. Große Schuppen fallen ihm aus den Augen. Ein Team von Sanitätern stürzt von beiden Seiten auf die Bühne, wischt den Schaum vor seinem Mund mit einer übergroßen Klobürste ab und zieht die Schuppen mit chromglänzenden Apparaturen aus dem Auge des Heldens. Es stellt sich heraus, dass er ebenfalls seine Kontaktlinse verloren hat.
Ein Gott fällt aus der Reinigungsmaschine, die irrtümlicherweise schon auf der Bühne stand. Er torkelt, offensichtlich betrunken, in den Orchestergraben und fällt in die Tuba, die dennoch nicht ihren Einsatz verpasst. Pflichtbewusst bis zum Ende.
Der Tumult auf der Bühne löst sich auf. Der Held, nun erleuchtet, kleidet sich in nacktes Segeltuch. Es scheint nicht zu kratzen.

Wieder flammen Buchstaben über der Bühne auf. Ich verschlucke mich an einer Erdnuss. Dies sollte meine Bühne sein!
Hier sollte mein Drama stattfinden!
Der schwarze Block erklärt sich solidarisch und stürmt den Konzertsaal. Im Orchestergraben leichter Applaus, ohne dass jemand seinen Einsatz verpasst. Einzig die Musik ist nicht wahnsinnig geworden. Dr. Schiwago spielt Simultanschach mit einer Herde Einhörner, während der Held noch immer von seiner Erleuchtung singt. Großartige Landschaften überlappen sich mit dem Gemetzel aus einem Sandalenfilm. Man projeziert zwei, drei, vier Filme über- und nebeneinander, um den Zuschauer zu verwirren. Aber war ich je nur Zuschauer?
Die Sitze beginnen zu brennen, der schwarze Block hat die Philharmonie zum Einsturz gebracht. Säule um Säule kracht dumpf im Hintergrund. Das Orchester spielt weiter. The show must go on. Der Held, einsam wie ich selbst, ein Spiegelbild nunmehr, singt noch immer, während die Ruinen um die Bühne zu wuchern beginnen. Ich muss keine Angst haben um meinen Kragen, man hat ihn mir chirurgisch entfernt.
Ich warte. Auf das Ende. Auf einen weiteren Gott aus dem Nassstaubsauger.
Die Tage der Wut beginnen.
[Notiz des Autors an sich selbst: Eigentlich wollte ich ein Gedicht schreiben. Sei‘s drum.]

Wirre Gedanken, Layoutverbesserungen und Poesie

Ich will von keinem, der nicht Naked Lunch oder ein ähnlich wichtiges Buch der Beat Generation gelesen hat, irgendetwas über Interpunktion hören. Vor allem nicht bei fremden Texten. Ich persönlich bin nach wie vor nicht glücklich, wenn man meine Texte auf ihre Rechtschreibfehler oder orthographischen Ungenauigkeiten reduziert – oder diesen Eindruck erweckt, weil man nur darüber kommentiert, aber ich bin eigentlich froh über jede Hilfe und Hinweise, sollte ich irgendwelche Fälle falsch benutzen, Kommataregeln missachten oder sonstwie nicht ganz richtig schreiben, aber wenn ich um Kekse und Fairness bitte und das erste, was kommt, sind Hinweise auf Kommata, dann macht mich das als der, der da eine Plattform zur Verfügung stellt, ein wenig traurig. Über Lesbarkeit und Abschnitte kann man diskutieren, generell sollte man aber erst einmal davon ausgehen, dass ein/e AutorIn weiß, wieso ein Text so aussieht, wie er aussieht.

Ich frage mich, ob der Abschnitt da oben gerechtfertigt ist oder nicht. Darf ich Kritik an meinen Gästen kritisieren? Es ist ja nicht so, als ob diese Dinge nicht »gerechtfertigt« wären oder nicht gesagt werden dürften. Mich stört es nur, wenn es das einzige ist, was man zu einem Text zu sagen hat oder dieser Eindruck erweckt wird. Gute Intentionen können so leider oft in dem sprichwörtlichen falschen Hals landen, vor allem klingen nett gemeinte Ratschläge manchmal so, als würde man die Person nicht ernst nehmen oder für ein Kind halten – was dann eher kontraproduktiv ist. Anderseits habe ich oft genug Texte, zu denen niemand etwas sagt, wieso auch immer.

Vielleicht sollten wir uns alle jeden Morgen nicht nur das hier sagen, sondern auch dieses Video hier ansehen. Vielleicht würde das uns alle daran erinnern, dass wir alle nicht ganz normal sind und wir uns darauf konzentrieren sollten, Neues und Schönes zu schaffen. Denn auch wenn dieses Blog auf den Grundfesten der Seelentherapie steht, so weiß ich, dass es kurze Momente gibt, in denen ich schöne Dinge erschaffe, vielleicht gerade deshalb, weil ich mich selbst therapiere, disassembliere, verschlüssele, permutiere, mit den Wörtern und Metaphern jongliere, würfele und wie so lange schüttele, bis etwas dabei herauskommt, was mir gefällt. Vielleicht wäre eine Welt, in der jeder, wenn er aufsteht, sich sagt, dass er an diesem Tag etwas Schönes schaffen will, eine bessere.

Bleibt noch die Meldung, dass ich die Textbreite geändert hat. Die Magie von CSS sollte jetzt bewirken, dass die Textbreite immer 60 Prozent der Fensterbreite ist, was die aufgetretenen Probleme bei kleineren Auflösungen und Nichtvollbildmodus lösen sollte. Zumindest, bis ich eine Smallscreen-Version bastele.

Eigentlich wollte ich ein Gedicht schreiben, aber das habe ich einfach mal gestrichen. Ja, ich beschließe, ein Gedicht zu schreiben und mache dann ein WordPressfenster auf und beginne zu tippen.

In the shadow of the war propaganda machine

Ich sitze im Schatten der großen Kriegspropagandamachine, sammele leere Patronenhülsen und stelle sie wie russische Puppen ineinander. Ist mein Leben wie diese Schalen? Ineinander verschachtelte Hüllen einer einst tödlichen Mischung? Irgendwo spielt ein schlechter Pianist auf einem ungestimmten Flügel Weihnachtslieder. Ich war schon einmal an diesem Ort. Déja-Vue ohne Déja. Ich überlege, ob es Hitze oder Kälte ist, die mich umbringt. Meine Gefühle kleben an mir wie ein schweißnasses, braunes T-Shirt. Ob es mir besser geht, wenn ich meine Gedärme an einer langen Angelschnur aus mir rausziehe?

Diese Maschine macht mich verrückt. Irgendwo liegt ein automatisches Gewehr.
Es ist entsichert, nur für den Fall, wo.
Wenn alle Stifte versagen, muss ich mit meinem Blut weiterschreiben. Aber oxidiert das Eisen darin nicht sofort? Die Türen schliessen zwei Minuten früher, luftdicht. Dann werden die Passagiere mit dem Geruch von billigem Essen betäubt, bis sie ihre Sünden gestehen und sich in neun Klassen (nach Dante) setzen. Es wäre wirklich schade um das Papier, wenn das Blut oxidieren würde. Braunes Geschmiere, ohne wirklichen Sinn und Zweck, und das alles, weil der Autor einen an der Waffel hat/sich keine Tinte leisten kann/das für ein nettes Motiv hält.
Die Iraner haben waffenfähiges Plutonium aus Zigaretten angereichert. Wie schlimm kann das sein, wenn wir nicht einmal Türen auf und zu machen können? In einem Radius von 2 Metern vom Epizentrum, Ground Zero, schmilzt alles zu Gold, meldet das Radio mit stoischer Beharrlichkeit. (Gibt es zu, du wirst „stoisch“ nachschlagen müssen, ehe du publizierst!) Die Ketten der Maschine sind ruhig, aber sie wird weiterfahren. KA-BOOM, mein einziger Glaube. 92: die heilige Zahl. Alle Generäle sind Priester, der Gott ist kein rachsüchtiger, sondern bloß totbringend.

Ein Lichterfaden in der Dunkelheit. Sie testen neue Flugzeuge. Diesmal werden sie mich erwischen. ich muss mich meiner Därme entledigen. Ohne Verdauung riechen mich ihre Sensoren nicht. Die Idee für zukünftige Dikatoren: den Chip in sensibles Nevengewebe einpflanzen. Da helfen auch keine langen Nägel mehr.
Zurück zu mir. Ich spiele weiter mit den Patronenhülsen, wie ein kleiner Junge. Alles nur noch Symbole. Jede Begegnung birgt neue Hoffnung. An das Ende des Gespräches kommen. Antarktis. Der strahlenfreie Kontinent. Pinguinfleisch und Schmelzwasser. Das beste Essen der Welt, zubereitet von zwei Roboterhänden in einem Wohnwagen. Winnie Pooh war ein Gin Tonic. Wie, sie haben keinen Kirschsaft? Drecksäcke! Ich fackele die Bude ab!

Mir bröckeln Stücke aus der Nase. Rohes Muskelfleisch quillt aus meinem After. Die Machine hat mich von Innen aufgelöst, wie mit Säure. Ein Mann mit Stock rettet mich im letzten Moment. Es ist Gandalf, der Sänger dieser Popband, der ständig Kaugummi schluckt. oder habe ich ihn mit jemanden verwechselt? Pass auf, dass dir kein Horn as der Stirn wächst, sagt er zum Abschied. Ich prüfe jeden Tag im Spiegel, aber am Morgen ist das Licht so fahl, dass ich lieber nicht zu oft daran kratze. Elektrisches Blitzen. Sie werden die Bombe werfen, ich werde zu Gold schmelzen und ewig davon träumen, zwischen Grabsteinen zu küssen.

Eine Allee aus Obelisken. Gigantische Phalli, voller Symbole der alten Götter und Helden. Ich will einer von ihnen werden. Apotheose. Schmelzen zu Gold. Zwei Engel heben dich empor, formen dich nach dem goldenen Schnitt. Du bist Adonis, du bist Venus, du bist Herakles, du bist Odysseus. Du bist Tim und Yoda. Der Gang über den roten Teppich, dabei Blitzlichtgewitter. Jeder einzelne so hell wie eine Atombombenexplosion. Abbdrücle deiner Hände, Füße und Genitalien in Gips für den Walk of Fame. Er ist geothermiegeheizt. Alle knien vor dir nieder. Du erblickst unter ihnen auch Einstein und Hendrix, beide mit einer Fender Stratocaster. Zeichen und Gesten der Ehrfurcht überall. Zwei pausbäckige, nackte Engel mit kurzen Flügeln krönen dich mit einem Lorbeerkranz aus kristallisiertem Uran.

Als ich erwache, bin ich noch im Vollbesitz meiner Gedärme. Ich sehe nur Schatten. In der Ferne dröhnt ein Dieselmotor.