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wolkeNacht

In der Nacht kam der Wind und mit ihm die Wolken, die unsere nackten Gedanken bedecken. Wie gerne würde ich noch einmal neben dir träumen! Ich träumte wunderbar wirr, neben dir. Träume, in denen mir in einer Pizzeria erklärt schlüssig erklärt wird, dass sich alle zwischenmenschlichen Probleme mit einer Freundschaftsanfrage bei Facebook lösen lassen.

Wirst du dich erinnern, an diese Nacht, in einem Jahr, in zehn Jahren?
Werde ich mich erinnern?
Oder wird diese Begegnung, diese seltene Planetenkonstellation im elenden Erinnerungsbrei meiner persönlichen Geschichte untergehen? Ich weiß kaum noch, was ich vor zehn Jahren gemacht habe. Lange wird es nicht mehr dauern, und ich kann es nachlesen. Das gibt mir Hoffnung. Wenn ich alles aufschreibe, meine Gedanken, Träume, Wünsche und Sehnsüchte in die große Wolke schicke, werden sie nie verloren gehen.

In diesen von Wolken verhangenen Nächten kommt die Sehnsucht durch das gekippte Fenster und schläft mit mir in Löffelchenstellung. Ich kann meinen Gedanken nicht mehr zuhören, stehe auf, wandere durch das Zimmer, stelle mich die Kälte der Nacht. Auch das hilft nicht. Irgendwo in dieser Stadt läuft ein Dachs herum, der die Menschen erschreckt. So entstehen unsichtbare Verbindungen zwischen ihnen, so lange die Wolken dafür sorgen, dass ihre Gedanken nicht über die Stadt fliegen können. Inversionswetterlagen und ihr Einfluss auf das Gefühlsleben junger Großstädter_innen.

Auf dem Fensterbrett steht das Avocadobäumchen, auf dem Balkon wächst alles wie verrückt, aber nichts von alldem tröstet über meine Einsamkeit hinweg. Das liegt einfach daran, dass Ruth nicht mehr auf meinem Fensterbrett sitzt und raucht. Und das nie wieder tun wird. Es gibt keinen Ersatz für das Nichts.

Ich sehne mich nach Nähe, obwohl ich weiß, dass ich nicht gut schlafe, wenn eine Person neben mir liegt. Ich will mich an jemanden kuscheln, obwohl ich so niemals einschlafen kann. Und mich ärgern würde, dass ich mein Hörbuch nicht hören könnte. Ich sehne mich nach dem Unmöglichen, dem Vergangenem, dem Niegewesenen.

Am Morgen ist der Himmel wieder klar. Ich setze mich im Lotossitz auf den Balkon und meditiere der Sonne entgegen, Zigarette in der linken, Kaffee in der rechten Hand.