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Am Grund

Als ich eine Einsicht hatte.

Ölgemälde. Ein stark vergrößerter Ausschnitt ist zu sehen, auf dem der Eingang einer Höhle zu erkennen ist.

„Aber dieser Brunnen ist überhaupt kein Brunnen!“
Die Stimme der Person, die ich einst Ruth nannte, klingt ungewohnt. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihr Panik unterstellen.
„Und wenn das hier nicht der Maschinenraum des Großen Seelenzeppelins ist? Warum sollte ich mir einbilden, in die Tiefe zu fahren, durch Wasser zu waten, um schlussendlich irgendwo zu landen, mit ich mehr als vertraut bin? Ich hätte diesen Ort doch gleich erkennen müssen!“
Meine Stimme hingegen zittert nicht mehr. Ich fühle mich sicher. Als wüsste ich, was ich tue.

Fun fact: Ich weiß so gut wie nie, was ich tue. Also, natürlich weiß ich in den meisten Fällen so halbwegs, was ich tun muss, um so zu wirken, als wüsste ich ungefähr, was ich tue. Ich glaube auch, dass es den allermeisten Leuten so geht. „Fake it till you make it“ halt. Das ist vermutlich die größte Erkenntnis des Erwachsenwerdens: Niemand weiß, wie die Dinge eigentlich gehen, alle tun nur so als ob und in Wirklichkeit ist alles nur Theater. Ein Grund, weshalb ich mich so weit wie möglich aus dem motorisierten Individualverkehr heraus halte.

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Die Klarheit

Als ich von einem wundervollen Getränk kosten wollte.

Ölgemälde. Abgeschnitten, ohne Kopf, sind zwei Figuren in antiker Kleidung zu erkennen. Sie stehen vor einer Küste, das Meer ist bewegt.

„Ich bin hier, damit du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Das war immer schon der Grund, weshalb ich existierte.“
Ich schlucke. So fest, dass es schmerzt. Das ist eine erstaunlich deutliche und klare Antwort von der Person, die ich früher Ruth nannte. Normalerweise waren alle ihre Aussagen lediglich nebulöse Andeutungen, die kaum zu deuten waren. Und nun stehe ich hier, im Maschinenraum, im Brunnen – wo auch immer das hier wirklich sein mag – und erhalte Klarheit.

Das ist es, was ich mir wünsche, oder? Klarheit. Als könnte die in eine Flasche abgefüllt werden, wie hochprozentiger Schnaps, den ich dann Stamperl für Stamperl trinke und immer berauschter werde von der Gewissheit. Dabei ist die Analyse von dem, was damals passiert ist, ganz einfach. Denke ich immer wieder. Und analysiere mich selbst, frage mich, was ich hätte anders machen können. Und dann komme ich wieder drauf, dass doch nicht alles an mir lag – zumindest will ich das immer noch glauben. Es gibt einen Grund, warum ich manchmal mitten in der Nacht, in den unbekannten Stunden, in denen nie die Sonne scheint und die Dämmerung noch zu weit weg ist, aufwache und mich zurück in diesen Sommer wünsche.

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Nur ein Wort.

Als ich die Person, die ich einst Ruth nannte, wiedertraf.

Gemälde. Im Hintergrund sind Berge und ein, zwei kleine weiße Häuser zu sehen. Im Vordergrund stehen zwei Gestalten in der Kleidung antiker Soldat*innen

„Du bist nicht …?“
Meine Stimme ist nur halb so laut, wie ich mir es gewünscht hätte. Sie zittert, sofern das bei dem kurzen Satz überhaupt möglich ist. Ich weiß nicht einmal, ob sie weit genug trägt, um von der unbekannten Person – von der ich sicher war, wer es war – überhaupt gehört zu werden. Aber macht das jetzt noch einen Unterschied? Ich weiß weder, wo ich bin, noch mit wem ich rede. Und schon gar nicht, warum. Dies ist kein Höhepunkt, dies ist der Tiefpunkt der ganzen Geschichte.

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Die Stimme

Als ich mich der Bedrohung von Innen stellte

Ausschnitt aus einem Gemälde. Es sind vor allem Wolken und am unteren Bildrand Berge sowie ein Federschmuck eines Helmes zu erkennen.

Sobald die Wörter meinen Mund verlassen haben, wird mir klar, was für eine banale Frage das war, die ich da gestellt habe. Das sollte jedoch niemanden überraschen, am allerwenigsten mich. Ich war noch nie sonderlich schlagfertig, und im Moment kann ich einfach nicht anders, als mich wundern, was das alles zu bedeuten hat. Wo bin ich? Tief unter der Erde, im Brunnen, in einer Kathedrale aus Beton, die aus mysteriösen Gründen hier angelegt wurde? Oder doch immer noch im Großen Seelenzeppelin, das über der stürmischen See stur seinen Kurs hält – und ich in seinem Maschinenraum, den ich nur selten betrete?

Egal, wo ich mich wirklich befinde: Die Person, der diese Stimme gehört, sollte nicht hier sein.

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Maschinenraum

Als ich endlich merkte, dass ich gar nicht tief unter der Erde war

Betonstruktur mit einem Vorsprung.

Das Summen klingt mechanisch und dennoch melodiös. Immer wieder wandert mein Blick nach oben, an den Betonstrukturen entlang, bis ich meinen Kopf so sehr in den Nacken legen muss, dass es schmerzt. Ich versuche, meine Augen weiter nach oben zu rollen, so dass ich vielleicht endlich den unsichtbaren Chor, den ich vermute, im Augenwinkel erhaschen kann. Aber da ist nichts. Egal wie lange ich versuche, sämtliche Ecken, Nischen und Alkoven in dieser merkwürdigsten aller Kathedralen zu untersuchen, ich sehe keine robentragenden kapuzenbedeckten Gestalten, die dieses Geräusch, das ich immer noch als Gesang missverstehe, verursachen könnten. Ich stehe immer noch vor einer Konsole, meine Hände bewegen sich unwillkürlich darüber, ich drücke Knöpfe, die ich nicht sehen kann, mechanisch, muscle memory, als würde ich ein Passwort eingeben, das ich seit Ewigkeiten kenne.

Das Geräusch wird unerträglich laut und schrill.

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über der Arktis.

Zeppelin vor dunklen Wolken
Ich fühle mich, als hätte ich eine offene Wunde, durch die Gefühle in mein Innerstes eindringen können.
Meine rechte Hand kribbelt, das hat sie schon ewig nicht mehr getan, sicher zehn Jahre sind das her. Ich bin seit all diesen Jahren nicht schlauer geworden und weiß nicht, was das heißt oder heißen soll. Immer, wenn ich Leuten davon erzähle, fragen sie mich Dinge, die danach klingen, als wüsste ich nicht, wie sich „eingeschlafene“ Gliedmaßen anfühlen. Auf dem Klo in der Arbeit habe ich den Drang, einen Vorschlaghammer zu nehmen und durch die Wand zu brechen, immer weiter, immer weiter, durch alle Gebäude durch, bis es nicht mehr weitergeht. Auch nicht viel absurder als die anderen Dinge, die so in meinem Kopf herumschwirren.

Unrund. So heißt das hier. Von allen Formen ist mir der Tesserakt die liebste Form, aber leider hat Hollywood das Ding nur kurz nach mir entdeckt und somit kann ich es nicht mehr benutzen oder auch nur darüber reden, ohne wie jemand zu wirken, der seine lustigen „wissenschaftlichen“ Anekdoten aus Filmen hat. Auf jeden Fall: Wäre ich eine Form, ich wäre höchstwahrscheinlich eher nicht rund, was wiederum gut zur Gesamtwetterlage meiner Gefühle passt. Letzte Nacht waren alle Gedanken sehr klar, da war das Kribbeln in der Nacht am stärksten spürbar, als hätte ein Blitz in meine Hand geschlagen und ich würde meine Nervenstränge bis in den Oberarm brennen spüren, mit der Gewissheit, dass das eine körperliche Reaktion auf IRGENDETWAS ist, aber ich natürlich nicht weiß, was. Nicht nur, dass ich zwischenmenschliche Beziehungen nicht so hinkrieg; ich schaffe es noch nicht einmal, mit mir selbst so zu kommunizieren, dass die Botschaft ankommt. Nachts, wenn ich zu müde zum Schreiben bin, weiß ich immer ganz genau, was ich schreiben würde, wie ich Sätze und Silben aneinanderreihen würde, um einen großartigen Text zu schaffen, der noch in fünf Jahren glänzt. Weiterlesen

Wind

Ich blicke in den Spiegel und sehe mir selbst in die Augen. Seit ein paar Wochen mag ich meine Augen. Ich weiß nicht, ob es sonst einen Menschen gibt, der mir in die Augen sieht und sich denkt: „Das sind schöne Augen!“, aber ich tue es. Wenigstens einer. Die Haare gefallen mir nicht mehr. Anders sollen sie. Da anders nicht so hinhaut, wie ich mir das vorgestellt hatte, kommen sie ganz ab. Kahlschlag, wie Anno 2008.

Während dem Schneiden habe ich Stöpsel in den Ohren, weil die Haarschneidemaschine so unglaublich laut ist. So höre ich nur, wie das Metall an meinen Schädel stößt. Ich kann nicht genau ausmachen, ob ich die Vibrationen mehr spüre oder mehr hören. Letzten Endes ist es das Gleiche, die Biologie bietet uns keine Hilfe.

Ich spüre den Wind um meinen Kopf wehen. Von unten weht der Wind hoch, an den steilen, verzierten Häuserwänden der majestätischen Stadt entlang zu den Häusergiebeln bis hoch über die Dächer der Stadt, dort, wo das Zeppelin steht.

Das mächtige Seelenzeppelin rührt sich nicht, trotz des heftigen Windes, der mir um die Ohren weht. Und ich wähne mich am Steuer, im Auge des Sturms. Die Nacht ist lauwarm und ich muss an k. denken. Einen kurzen Moment lang vermisse ich ihre Lippen. Vor meinem geistigen Auge nur postapokalyptische Sperrzone, in dem ein paar japanische Hunde bellen. Solange ich am Steuer stehe, kann mir nichts etwas anhaben, denn dies ist mein Luftschiff.

Die Stadt ist gut zu mir. Ich habe seit Monaten endlich wieder das Gefühl, wirklich zu leben. Vielleicht liegt es an den Haaren, die ab sind, vielleicht liegt es an dem Herzchaos, das begraben ist, vielleicht liegt es tatsächlich auch an der Sonne, die immer öfters kommt, vielleicht liegt es an den Sternen, die ich an unbekannter Stelle erblickte, aber ich habe das Gefühl, dass es mir gut geht. Und gleichzeitig wünsche ich mir endlich mehr Poesie in diesem verficktem Leben.

Müllverbrennungsanlage Canossa

Fi sieht mich verständnislos an.

Canossa

Ich blicke verständnislos zurück, ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht, will gehen. Sie legt ihre Hände in mein Gesicht, drückt meine Mundwinkel nach oben, so dass ich lächele.
Ich muss an diese Party denken, auf die ich eigentlich nicht gehen wollte, weil ich mal wieder zu müde war. Auch da hat eine Person meine Mundwinkel nach oben gezogen, so dass es aussah, als würde ich lächeln. Danach hatte ich tatsächlich noch etwas Spaß auf der Tanzfläche. Als der DJ dann „Nein Mann“ spielte, sind wir gegangen. Oder vielmehr: Ich bin gegangen. Diesen verheerenden Nachhauseweg, den ich schon viel zu oft alleine gegangen bin. Das mit dem Abschleppen kann ich nämlich überhaupt nicht. Vielleicht bin ich auch zu blöd, mich abschleppen zu lassen.

Ich verlasse die Wohnung, ziehe abermals an meiner Mütze, die mir gut steht und von der ich immer das Gefühl habe, sie würde falsch sitzen. Ich stapfe durch den Schnee, der erst nächste Woche fallen wird. Zur Bushaltestelle. In meinem Mund eine Zigarette, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht … Krampfhaft halte ich mich an ihr fest. Wie an einem Rettungsring.
Ich bin auf dem Weg zu Ruth. Ruth, die ich eigentlich schon vergessen hatte. In letzter Zeit war sie nicht mehr als ein Name auf meinem Handydisplay gewesen. Ohne Gesicht, ohne Stimme, nur Buchstaben in einem flüchtigen digitalen Speicher. Und nun bin ich auf dem Weg zu ihr, schaffe es kaum, meine Füße zu heben.

Der Bus lässt auf sich warten. Der Bus lässt immer auf sich warten. Manche Busse haben Spitznamen, werden „die rote Rakete“ genannt. Dieser Bus lässt nur auf sich warten. Als ich nach kaum vier Stationen wieder aussteige, wähne ich mich in einer anderen Welt, mindestens aber in einem anderem Land. Das hier könnte genauso gut ein kleines Dorf im unbekannten Osten Luxemburgs sein. Die Straßenschilder sprechen eine andere Sprache.

Ich war schon einmal hier. Eigentlich war ich schon viel zu oft hier. Ich kenne die Straßen, als sei ich sie eine Zeit meines Lebens jeden Tag gegangen. Dort haben wir damals Y. getroffen, dort hat Ruth mal Menschen den Weg erklärt, nicht ohne unabsichtlich einen Fehler dabei zu begehen. Unwillkürlich muss ich grinsen, obwohl mir gar nicht zum Grinsen zu Mute ist. Ich schleppe mich den Hügel hoch, von dem aus man über die ganze verdammte Stadt sieht. Wenn nicht gerade dicker Nebel die Sicht versperrt. Die Müllverbrennungsanlage (oder das Fernwärmekraftwerk, je nach Betrachtungsweise) Spittelau stößt bedrohlich ihre (oder seine, je nach Betrachtungsweise) ungefährlichen Dämpfe aus.

Ruth also.
Einen kurzen Moment erfasst mich eine Woge der Einsamkeit. Das Meer der Verdammnis umspült mich mit seinen eiskalten, harten Wellen, als ich in der Brandung stehe. Am Horizont das große Seelenzeppelin.
Ich lächele. Ganz ohne fremde Hilfe.

photo: Some rights reserved by sayimsorry

Never love again.

Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich nur Narben. Jetzt, da das große Seelenzeppelin so kurz davor ist, Segel zu setzen, muss ich mir diesen einen Satz hierhin schreiben, um mich daran zu erinnern, dass ich ihn – zumindest jetzt – für wahr erachte.
Never love again.
View in winter over Saltsjön (Salt water sea) from Katarinahissen (the Katarina Lift), built in 1883. The Old Town to the left and Skeppsholmen in the background.
Aber vielleicht stimmt das ja alles nicht. Aber in mir ist alles so voller Melancholie, die fast schon Verzweiflung ist, dass ich ein Dogma daraus machen will.

Seal my heart and break my pride,
I‘ve nowhere to stand and now nowhere to hide,
Align my heart, my body, my mind,
To face what I‘ve done and do my time.