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Der Apfelwodka

Als ich mich beim Bloggen streamte.

Das ist alles überhaupt nicht verwirrend.
„Wer kommt überhaupt auf so eine Idee?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
„Ich“, antworte ich, „weil es nie genug Möglichkeiten gibt, sich vor der ganzen Welt (okay, es schauen vielleicht zwei Leute zu und die Kamera-Einstellung ist sowieso nicht sehr vorteilhaft) lächerlich zu machen.“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, schüttelt den Kopf, als sei das überhaupt nicht klar, als könne sie meine Gedanken nicht nachvollziehen, wie sie es sonst kann.

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Der Adventure-Ready Hoodie

Als ich merkwürdige Einschlafgedanken hatte.

Ein gezeichneter Pfirsich

„This Adventure-Ready Hoodie Is Made From Coffee Grounds!“ begeistert sich mein Facebook-Feed, während ich wie automatisch dadurch scrolle. Mein Daumen kann die Bewegung auch machen, ohne dass ich hinschaue, muscle memory genügt, ich bin ausnahmsweise nicht stolz darauf. Mechanisch starre ich die Anzeige an, während die Person, die ich einst Ruth nannte, mich mustert. Immer noch isst sie einen Pfirsich, obwohl überhaupt keine Saison für Pfirsiche ist. Aber in ihrer Hand wirken sie so saftig, so überaus reif und zuckrig, dass ich auch einen Bissen will, obwohl ich gar nicht so genau weiß, ob ich Pfirsichgeschmack eigentlich wirklich mag.

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Nur die Wirklichkeit

Als ich in Weltuntergangsstimmung war.

Wieder das Bild der Teetasse, aber diesmal mit noch mehr Glitches und Bildfehlern, so dass sie kaum noch zu erkennen ist.

Meine Gedanken rasen. Ich versuche, eine gute Replik auf jene Worte zu finden, die die Person, die ich einst Ruth nannte, mir eben entgegengeschleudert hat. Ihre Stimme war ruhig, beinahe sanft, aber jede Silbe fühlte sich an wie ein Tennisball, der mit voller Wucht geschlagen den falschen Weg findet und mir im Gesicht landete.

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Antworten und Fragen

Als der Tee bitter wurde.

Teetasse, mit Bildfeldern, die einzelnen Farbschichten sind verschoben, so dass ein spannender Effekt entsteht.

„Das klingt viel zu einfach. Es muss doch komplizierter sein!“
Meine Stimme klingt erregter, als ich möchte dass sie klingt.

Ich war immer schon schlecht darin, meine Gefühle zu verstecken, mir ist immer alles ins Gesicht geschrieben. Was ironisch ist, denn im Alter von zehn Jahren hatte ich eine mysteriöse Krankheit, ausgelöst durch einen Zeckenbiss (oder auch nicht), die mit einer partiellen Gesichtslähmung einherging. Was dazu führte, dass ich in der Folgezeit große Probleme damit hatte, meine Mimik zu kontrollieren. Die logische Konsequenz davon sollte eigentlich ein resting irgendetwas face sein, nicht ein genaues Abbild all meiner Gefühlsregungen. Und dazu habe ich noch das Gefühl, überhaupt nicht richtig auf Dinge reagieren zu können. Vielleicht hätte ich doch Schauspieler werden sollen.

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Die Überrumpelung

Als die Person, die ich einst Ruth nannte, mir Tee anbot.

Eine filigrante Tasse mit orangem Muster und  Tee in der gleichen Farbe.

„Möchtest du Tee?“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, sitzt auf einem sterilen Designermöbel. Sitzen ist das falsche Wort. „Lümmeln“ wäre vermutlich angebrachter. Diese Betrachtung hält mich davon ab, mich zu wundern. Der Porzellanladen, er ist verschwunden. Oder vielmehr: Wir sind aus dem Porzellanladen verschwunden. Alles steht wieder gerade herum, die Schwerkraft beträgt exakt 9,807 m/s² und alles wirkt ruhig, vertraut, nicht bedrohlich. Vor dem Designermöbel steht ein ähnlich abstraktes Beistelltischchen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen stehen. Das Getränk hat eine einladende, rötliche Farbe. Wie ein Sonnenuntergang nach einem anstrengenden Tag Nichtstun am Strand.

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Zerbrechlich

Als ich kein Ende fand.

„Und wieder bin ich versucht, noch ein Ende dranzuhängen, noch eine dramatischere Wendung als die vorige einzubauen. Wieder fällt mir nur dies ein: eine Atombombe zu zünden.“

Die Person, die ich einst Ruth nannte, grinst wieder. Die Erschrockenheit ist dennoch nicht auf ihrem Gesicht gewichen. Ich halte das, angesichts der gestaltswandlerischen Fähigkeiten, die diese Person besitzt – ich bin mir sicher über das, was ich gesehen habe – für bemerkenswert. Sie könnte sich das selbstgefälligste aller möglichen Gesichter geben, aber sie bleibt beim Abbild roher Emotion.

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Am Grund

Als ich eine Einsicht hatte.

Ölgemälde. Ein stark vergrößerter Ausschnitt ist zu sehen, auf dem der Eingang einer Höhle zu erkennen ist.

„Aber dieser Brunnen ist überhaupt kein Brunnen!“
Die Stimme der Person, die ich einst Ruth nannte, klingt ungewohnt. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihr Panik unterstellen.
„Und wenn das hier nicht der Maschinenraum des Großen Seelenzeppelins ist? Warum sollte ich mir einbilden, in die Tiefe zu fahren, durch Wasser zu waten, um schlussendlich irgendwo zu landen, mit ich mehr als vertraut bin? Ich hätte diesen Ort doch gleich erkennen müssen!“
Meine Stimme hingegen zittert nicht mehr. Ich fühle mich sicher. Als wüsste ich, was ich tue.

Fun fact: Ich weiß so gut wie nie, was ich tue. Also, natürlich weiß ich in den meisten Fällen so halbwegs, was ich tun muss, um so zu wirken, als wüsste ich ungefähr, was ich tue. Ich glaube auch, dass es den allermeisten Leuten so geht. „Fake it till you make it“ halt. Das ist vermutlich die größte Erkenntnis des Erwachsenwerdens: Niemand weiß, wie die Dinge eigentlich gehen, alle tun nur so als ob und in Wirklichkeit ist alles nur Theater. Ein Grund, weshalb ich mich so weit wie möglich aus dem motorisierten Individualverkehr heraus halte.

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Die Klarheit

Als ich von einem wundervollen Getränk kosten wollte.

Ölgemälde. Abgeschnitten, ohne Kopf, sind zwei Figuren in antiker Kleidung zu erkennen. Sie stehen vor einer Küste, das Meer ist bewegt.

„Ich bin hier, damit du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Das war immer schon der Grund, weshalb ich existierte.“
Ich schlucke. So fest, dass es schmerzt. Das ist eine erstaunlich deutliche und klare Antwort von der Person, die ich früher Ruth nannte. Normalerweise waren alle ihre Aussagen lediglich nebulöse Andeutungen, die kaum zu deuten waren. Und nun stehe ich hier, im Maschinenraum, im Brunnen – wo auch immer das hier wirklich sein mag – und erhalte Klarheit.

Das ist es, was ich mir wünsche, oder? Klarheit. Als könnte die in eine Flasche abgefüllt werden, wie hochprozentiger Schnaps, den ich dann Stamperl für Stamperl trinke und immer berauschter werde von der Gewissheit. Dabei ist die Analyse von dem, was damals passiert ist, ganz einfach. Denke ich immer wieder. Und analysiere mich selbst, frage mich, was ich hätte anders machen können. Und dann komme ich wieder drauf, dass doch nicht alles an mir lag – zumindest will ich das immer noch glauben. Es gibt einen Grund, warum ich manchmal mitten in der Nacht, in den unbekannten Stunden, in denen nie die Sonne scheint und die Dämmerung noch zu weit weg ist, aufwache und mich zurück in diesen Sommer wünsche.

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Nur ein Wort.

Als ich die Person, die ich einst Ruth nannte, wiedertraf.

Gemälde. Im Hintergrund sind Berge und ein, zwei kleine weiße Häuser zu sehen. Im Vordergrund stehen zwei Gestalten in der Kleidung antiker Soldat*innen

„Du bist nicht …?“
Meine Stimme ist nur halb so laut, wie ich mir es gewünscht hätte. Sie zittert, sofern das bei dem kurzen Satz überhaupt möglich ist. Ich weiß nicht einmal, ob sie weit genug trägt, um von der unbekannten Person – von der ich sicher war, wer es war – überhaupt gehört zu werden. Aber macht das jetzt noch einen Unterschied? Ich weiß weder, wo ich bin, noch mit wem ich rede. Und schon gar nicht, warum. Dies ist kein Höhepunkt, dies ist der Tiefpunkt der ganzen Geschichte.

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