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über der Arktis.

Zeppelin vor dunklen Wolken
Ich fühle mich, als hätte ich eine offene Wunde, durch die Gefühle in mein Innerstes eindringen können.
Meine rechte Hand kribbelt, das hat sie schon ewig nicht mehr getan, sicher zehn Jahre sind das her. Ich bin seit all diesen Jahren nicht schlauer geworden und weiß nicht, was das heißt oder heißen soll. Immer, wenn ich Leuten davon erzähle, fragen sie mich Dinge, die danach klingen, als wüsste ich nicht, wie sich „eingeschlafene“ Gliedmaßen anfühlen. Auf dem Klo in der Arbeit habe ich den Drang, einen Vorschlaghammer zu nehmen und durch die Wand zu brechen, immer weiter, immer weiter, durch alle Gebäude durch, bis es nicht mehr weitergeht. Auch nicht viel absurder als die anderen Dinge, die so in meinem Kopf herumschwirren.

Unrund. So heißt das hier. Von allen Formen ist mir der Tesserakt die liebste Form, aber leider hat Hollywood das Ding nur kurz nach mir entdeckt und somit kann ich es nicht mehr benutzen oder auch nur darüber reden, ohne wie jemand zu wirken, der seine lustigen „wissenschaftlichen“ Anekdoten aus Filmen hat. Auf jeden Fall: Wäre ich eine Form, ich wäre höchstwahrscheinlich eher nicht rund, was wiederum gut zur Gesamtwetterlage meiner Gefühle passt. Letzte Nacht waren alle Gedanken sehr klar, da war das Kribbeln in der Nacht am stärksten spürbar, als hätte ein Blitz in meine Hand geschlagen und ich würde meine Nervenstränge bis in den Oberarm brennen spüren, mit der Gewissheit, dass das eine körperliche Reaktion auf IRGENDETWAS ist, aber ich natürlich nicht weiß, was. Nicht nur, dass ich zwischenmenschliche Beziehungen nicht so hinkrieg; ich schaffe es noch nicht einmal, mit mir selbst so zu kommunizieren, dass die Botschaft ankommt. Nachts, wenn ich zu müde zum Schreiben bin, weiß ich immer ganz genau, was ich schreiben würde, wie ich Sätze und Silben aneinanderreihen würde, um einen großartigen Text zu schaffen, der noch in fünf Jahren glänzt. Weiterlesen

Wind

Ich blicke in den Spiegel und sehe mir selbst in die Augen. Seit ein paar Wochen mag ich meine Augen. Ich weiß nicht, ob es sonst einen Menschen gibt, der mir in die Augen sieht und sich denkt: „Das sind schöne Augen!“, aber ich tue es. Wenigstens einer. Die Haare gefallen mir nicht mehr. Anders sollen sie. Da anders nicht so hinhaut, wie ich mir das vorgestellt hatte, kommen sie ganz ab. Kahlschlag, wie Anno 2008.

Während dem Schneiden habe ich Stöpsel in den Ohren, weil die Haarschneidemaschine so unglaublich laut ist. So höre ich nur, wie das Metall an meinen Schädel stößt. Ich kann nicht genau ausmachen, ob ich die Vibrationen mehr spüre oder mehr hören. Letzten Endes ist es das Gleiche, die Biologie bietet uns keine Hilfe.

Ich spüre den Wind um meinen Kopf wehen. Von unten weht der Wind hoch, an den steilen, verzierten Häuserwänden der majestätischen Stadt entlang zu den Häusergiebeln bis hoch über die Dächer der Stadt, dort, wo das Zeppelin steht.

Das mächtige Seelenzeppelin rührt sich nicht, trotz des heftigen Windes, der mir um die Ohren weht. Und ich wähne mich am Steuer, im Auge des Sturms. Die Nacht ist lauwarm und ich muss an k. denken. Einen kurzen Moment lang vermisse ich ihre Lippen. Vor meinem geistigen Auge nur postapokalyptische Sperrzone, in dem ein paar japanische Hunde bellen. Solange ich am Steuer stehe, kann mir nichts etwas anhaben, denn dies ist mein Luftschiff.

Die Stadt ist gut zu mir. Ich habe seit Monaten endlich wieder das Gefühl, wirklich zu leben. Vielleicht liegt es an den Haaren, die ab sind, vielleicht liegt es an dem Herzchaos, das begraben ist, vielleicht liegt es tatsächlich auch an der Sonne, die immer öfters kommt, vielleicht liegt es an den Sternen, die ich an unbekannter Stelle erblickte, aber ich habe das Gefühl, dass es mir gut geht. Und gleichzeitig wünsche ich mir endlich mehr Poesie in diesem verficktem Leben.

Müllverbrennungsanlage Canossa

Fi sieht mich verständnislos an.

Canossa

Ich blicke verständnislos zurück, ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht, will gehen. Sie legt ihre Hände in mein Gesicht, drückt meine Mundwinkel nach oben, so dass ich lächele.
Ich muss an diese Party denken, auf die ich eigentlich nicht gehen wollte, weil ich mal wieder zu müde war. Auch da hat eine Person meine Mundwinkel nach oben gezogen, so dass es aussah, als würde ich lächeln. Danach hatte ich tatsächlich noch etwas Spaß auf der Tanzfläche. Als der DJ dann „Nein Mann“ spielte, sind wir gegangen. Oder vielmehr: Ich bin gegangen. Diesen verheerenden Nachhauseweg, den ich schon viel zu oft alleine gegangen bin. Das mit dem Abschleppen kann ich nämlich überhaupt nicht. Vielleicht bin ich auch zu blöd, mich abschleppen zu lassen.

Ich verlasse die Wohnung, ziehe abermals an meiner Mütze, die mir gut steht und von der ich immer das Gefühl habe, sie würde falsch sitzen. Ich stapfe durch den Schnee, der erst nächste Woche fallen wird. Zur Bushaltestelle. In meinem Mund eine Zigarette, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht … Krampfhaft halte ich mich an ihr fest. Wie an einem Rettungsring.
Ich bin auf dem Weg zu Ruth. Ruth, die ich eigentlich schon vergessen hatte. In letzter Zeit war sie nicht mehr als ein Name auf meinem Handydisplay gewesen. Ohne Gesicht, ohne Stimme, nur Buchstaben in einem flüchtigen digitalen Speicher. Und nun bin ich auf dem Weg zu ihr, schaffe es kaum, meine Füße zu heben.

Der Bus lässt auf sich warten. Der Bus lässt immer auf sich warten. Manche Busse haben Spitznamen, werden „die rote Rakete“ genannt. Dieser Bus lässt nur auf sich warten. Als ich nach kaum vier Stationen wieder aussteige, wähne ich mich in einer anderen Welt, mindestens aber in einem anderem Land. Das hier könnte genauso gut ein kleines Dorf im unbekannten Osten Luxemburgs sein. Die Straßenschilder sprechen eine andere Sprache.

Ich war schon einmal hier. Eigentlich war ich schon viel zu oft hier. Ich kenne die Straßen, als sei ich sie eine Zeit meines Lebens jeden Tag gegangen. Dort haben wir damals Y. getroffen, dort hat Ruth mal Menschen den Weg erklärt, nicht ohne unabsichtlich einen Fehler dabei zu begehen. Unwillkürlich muss ich grinsen, obwohl mir gar nicht zum Grinsen zu Mute ist. Ich schleppe mich den Hügel hoch, von dem aus man über die ganze verdammte Stadt sieht. Wenn nicht gerade dicker Nebel die Sicht versperrt. Die Müllverbrennungsanlage (oder das Fernwärmekraftwerk, je nach Betrachtungsweise) Spittelau stößt bedrohlich ihre (oder seine, je nach Betrachtungsweise) ungefährlichen Dämpfe aus.

Ruth also.
Einen kurzen Moment erfasst mich eine Woge der Einsamkeit. Das Meer der Verdammnis umspült mich mit seinen eiskalten, harten Wellen, als ich in der Brandung stehe. Am Horizont das große Seelenzeppelin.
Ich lächele. Ganz ohne fremde Hilfe.

photo: Some rights reserved by sayimsorry

Never love again.

Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich nur Narben. Jetzt, da das große Seelenzeppelin so kurz davor ist, Segel zu setzen, muss ich mir diesen einen Satz hierhin schreiben, um mich daran zu erinnern, dass ich ihn – zumindest jetzt – für wahr erachte.
Never love again.
View in winter over Saltsjön (Salt water sea) from Katarinahissen (the Katarina Lift), built in 1883. The Old Town to the left and Skeppsholmen in the background.
Aber vielleicht stimmt das ja alles nicht. Aber in mir ist alles so voller Melancholie, die fast schon Verzweiflung ist, dass ich ein Dogma daraus machen will.

Seal my heart and break my pride,
I‘ve nowhere to stand and now nowhere to hide,
Align my heart, my body, my mind,
To face what I‘ve done and do my time.

Yogaübung


Auf meiner Teepackung ist die Anleitung zu einer Yogaübung aufgedruckt. Man sitzt dabei im Schneidersitz und steckt sich abwechselnd Finger in die Nasenlöcher. Klein und kursiv gedruckt steht am Rand der Packung, ich solle seinen Arzt fragen, ob die Übung für mich geeignet sei. Ich gehe also mit der Teepackung zu meinem Arzt und frage ihn, ob ich im Schneidersitz sitzen und mir abwechselnd Finger in die Nasenlöcher stecken darf. Er sieht mich nur irritiert an und antwortet nicht, bis ich aus lauter Verlegenheit fluchtartig seine Praxis verlasse und beschließe, nie wieder zu diesem Arzt zu gehen. Im Treppenhaus bedauere ich dies kurz, denn der Arzt war stets freundlich und wirkt kompetent.

Ich werde nie wieder zu ihm gehen können. Nicht nur aus Scham, sondern vielmehr, weil das Haus, in dem sich seine Praxis befindet, einstürzt, als ich es verlasse. Vor mir versinkt ein ganzer Häuserblock in den Boden. Ich ziehe meine Thermokanne aus meiner Tasche. Der Teebeutel schwimmt noch drin. Ein grauer, mit Kräutern gefüllter Schwamm. An der kleinen Papierfahne ist kein Logo zu sehen, sondern es steht ein Spruch drauf. Der Tee ist nämlich, wie bei Tees auf deren Packungen Yogaübungen drauf gedruckt sind zu erwarten, ein ausgesprochener Hippietee. Drauf steht: „Liebe ist ohne Schmerzen. Sie ist Blühen. Sie ist Segen.“

Wie gut, dass ich niemanden liebe und mich nur unglücklich, voller schmerzen und weder sehr segens- noch blütenreich durch die Weltgeschichte ficke. Während der Häuserblock vor mir einstürzt und/oder im Boden versinkt, das kann ich durch meine beschlagene Brille nicht erkennen, trinke ich meinen esoterischen Hippietee und höre James Blunt auf meinem iPod. Und ich habe nur noch so wenig Schamgefühl, dass einfach nicht mehr genug davon da ist, um mich dafür zu schämen. Nicht für den iPod, der von suizidgefährdeten chinesischen Arbeitern in lagerähnlichen Montagewerken zusammengeschraubt wurde und schon gar nicht für James Blunt, der schmalzig von Kindern im Kosovo plärrt. Zumindest scheint sein Schmerz, oder den Schmerz den er von den traurig dreinschauenden Kindern im Kosovo antizipiert hat, größer zu sein als meiner. Denn bei mir ist eigentlich alles Okay. Gut, ich habe mich gerade vor meinem Arzt, zu dem ich jetzt nicht mehr gehen kann, weil sein Haus eingestürzt ist, hochgradig lächerlich gemacht, aber …

„Aber …“ denke ich und weiß nicht mehr weiter. Dort wo der Häuserblock war, ist jetzt der Blick auf ein rotes Meer. Ich kenne dieses Meer. Ich hasse dieses Meer. Nicht wegen dem Sand, der sich an meinen Körper klebt oder sich in alle möglichen und unmöglichen Körperöffnungen presst, sondern weil es halt dieses rote Meer des Verderbens ist, an dem ich schon so oft stand, an dem ich schon viel zu oft stand.

Und ich bin alleine hier. In der Ferne glaube ich Ruth über der See schweben zu sehen. Als sei sie ein mythologisches Wesen, als könne sie schweben! Ich bin alleine mit meinen Gedanken und wäre gerne alleiner.
Die Einsamkeit hingegen halte ich kaum aus. Ich weiß nicht, was ich will.
Ich weiß nicht einmal, ob ich gerne etwas wollen würde. Was würde Kazuyoshi Funaki in dieser Situation tun?

Ich möchte schreien, vor allem Leute an. Ich habe etwas Tee verschüttet. Es ist ziemlich schwer, mit dieser alten Thermokanne so zu schütten, dass der Tee nur in die Tasse kommt. Normalerweise fließt er nämlich überall hin, allem voran natürlich glühend heiß über die Finger, nur nicht in die Tasse. Ich habe übrigens eine Tasse aus Porzellan bei mir. Falls moderne Tassen überhaupt noch aus Porzellan sind. Vielleicht ist das längst irgendein Kunststoff, der sich bloß so anfühlt wie Porzellan. Auf jeden Fall ist sie schwer und lässt sich gut in der Hand halten, während ich vor dem Abgrund stehe, wo vor einigen Minuten ein Häuserblock eingestürzt ist und unter dem sich jetzt ein tosendes, rotes Meer steht. Der heiße Tee auf meiner Hand brennt und versichert mich, nicht zu träumen. Das wäre ja noch schlimmer. So eine tolle Geschichte und dann müsste ich nach der Erzählung immer sagen: „Und dann bin ich aufgewacht.“

Ich will mich in das Meer stürzen und in meiner Verzweiflung ertrinken. Eine Stimme hält mich davon ab. Buchstaben werden zu Menschen, das Meer aber nicht wieder zu einem Häuserblock. Wäre dies hier ein Traum, was wäre das alles für eine wunderbare Metapher! Freud, der alte perverse Sack hätte seine helle Freude daran und würde sich wohl erst die Unterhose wechseln müssen, bevor ich weitererzählen könnte.

Der Tee schmeckt nicht. Oder zumindest nicht so, wie er schmecken sollte. Ich gehe auf und ab, setze mich an den Rand der Klippe, stehe wieder auf, gehe wieder zwei, drei Meter, fühle mich wie an der belgischen Küste, drehe wieder um, setze mich auf den Asphalt, stehe wieder auf, gehe zu meinem Ausgangspunkt zurück. Der Tee schmeckt nicht so wie früher. Ich frage mich, ob das alles real ist, an was ich mich da zu erinnern glaube. Oder ob ich nicht einfach seit Anbeginn der Zeit vor diesem Bildschirm vor der weißen Wand saß und getippt habe. Ich traue mich nicht, nachzuschauen, wie lang der Text schon ist. Auch in meinen Augen würde James Blunt, der übrigens immer noch singt, keinen Mut entdecken.

Was ich mit diesem Text sagen will? Allgemeine Ratlosigkeit unter Germanist_innen in hundert Jahren. Die Orientierungslosigkeit im anfangenden einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie immer! Als habe ich nur ein Thema, über das ich schreiben würde! Jetzt, wo ich mich noch aufregen kann, rege ich mich auf, als Nachhall durch die vierte Wand, die längst abgerissen wurde, genauso untergegangen mit dem Häuserblock, in dem einst mein Arzt wohnte. Ich knie nieder und bete, als mir einfällt, dass es keinen Gott gibt, an den ich glaube.

Ich blicke gen Himmel.


Über mir schwebt ein Zeppelin.

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Kriegsschiff auf rauer See
„Das also ist mein Leben.“, denke ich, „rauchend süßen Kaffee mit viel zu viel Milch zu trinken“. In meinem Kopf rennen Landschaften vor meinem inneren Auge davon. „Will ich mich verlieben? Will ich ein Mann sein? Eine Frau? Was heißt das? Wo ist Ruth in dem Ganzen? Schmeck‘s Krapferl!“ Wie sollte ein Zeppelin in diesen Stürmen Kurs halten können? Wie sollte ich wissen, dass die See über dem hypertheoretischen Dänemark so rau-h ist?

Ich sollte mehr Texte über das Leben in Wien schreiben.

Ein Güterzug fährt durch. Wenn ich geradeaus blicke, flasht mich der Anblick der bunt bedruckten Container total. Werden Container bedruckt? Ich versuche über diese Frage nachzudenken, muss unwillkürlich einen Schritt zurück gehen, merke dabei nicht, dass ich schon gegen dem Betonblock, der glücklicherweise im Weg steht und meinem Rücken ergonomischen Halt bietet, laufe, weil mich der Anblick so in seinen Bann zieht, dass mir schwindlig wird. Wenn ich meinen Blick etwas abwende und schräg auf den schnell fahrenden Zug schaue, kann ich die Werbeaufdrucke lesen und dieses fiese flüssigkeitsgefüllte Organ in meinem Innenohr sendet keine verwirrenden Signale an mein sowieso schon verwirrtes Gehirn. Vestibularapparat. Allein das Wort schon. Vestibularapparat. Ist es überhaupt ein richtiger Apparat?
Gegen den Betonblock gepresst blicke ich wieder nach vorne und lasse den brachialen Eindruck auf mich einwirken. In diesem Moment scheint es das visuelle Äquivalent zu „Vom Zug überfahren werden“ zu sein. (Das stimmt nicht. Der Gedanke ist mir jetzt, beim Schreiben gekommen. Aber was heißt denn „in diesem Moment?„, frage ich euch, durch die vierte Wand hindurch!)

Ich suche auf Amateurvideopornoseiten nach bekannten Gesichtern. Ungute Vorahnungen, im Nachhinein betrachtet. Als hätten verwackelte Handyvideos irgendetwas mit der Realität zu tun. Die Realität ist, wie wir alle wissen, völlig haarlos, schönheitsoperiert, mit glänzendem Öl gefettet und von der ersten Berührung an laut stöhnend in HD gefilmt. (Zu viel Porno? Fickt euch, hahaha!) Ich kann nichts dafür, aber es ist meine Schuld.

Zeppelin über Bergen

Das Zeppelin droht, abzustürzen. Zum Glück ist das Steuer kein Rad, sondern eine goldene Schreibmaschine mit tausend goldenen Hebeln. Ich sitze – nicht unbedingt vor Fachkenntnis strotzend – vor dieser Apparatur, aber der Quecksilberstreif am Horizont leuchtet schon golden in einer sich öffnenden Wolkengasse.

Mit einem Male stehe ich wieder am Strand des Meeres der Verzweiflung. Ein trauriger, unheimlicher Ort, den ich nicht selbst erfunden habe und dessen Existenz ich beinahe vergessen hätte. Ein zufällig gelesener Kommentar bringt mich darauf, dass eine geheime Botschaft hinter diesen Filmen stecken könnte, die mich wieder einmal völlig flashen. Ich könnte auch sagen, sie hätte mein Gehirn total gefickt, aber ich schreibe ja zu viel über Sex, wenn ich mich auf die Meinung derjenigen, die es sich trauen, das auszusprechen, vertrauen kann. Die schweigende Mehrheit sagt selbstverständlich naturgemäß nie etwas dazu.
Rotes Meerwasser umspielt meine Knöchel. Ein guter Pirat … Ich versuche, all diese schrecklichen Gedanken mit „Blub“ zu vertreiben. Manchmal schreibe ich auch „BLUB“ auf meinen Notizblock oder sonstiges Papier, wenn ich nicht laut reden kann oder will. Oft funktioniert das. Fragt sich nur, ob die Luftblasen, die ich dazu denke, über die Oberfläche steigen oder ob die Gedanken nur sinken wie leckgeschlagene Erdöltransporter und am Grund verbleiben wie Seeminen, aus denen man später Möbeln bauen wird, falls sie entgegen aller Erwartungen nicht detonieren und mich – zumindest metaphorisch – in Stücke reißen. Oder hässliche Flecken auf Textilien hinterlassen.

Der Baron von Luxemburg

Der Baron von Luxemburg

Vor der Bim-Haltestelle stehen Betrunkene mit fettigen Haaren, singen zuerst, reden dann über Zeitalter, sie das dritte Bier wegen dem dritten Jahrtausend, in dem wir uns befinden, er schon das Zwölfte. Die Zukunft hat schon begonnen. Unnötig zu sagen, dass sie beide betrunken sind, aber wie auf anderen Drogen wirken, oder zumindest wirkt das, was sie sagen, so. Nach dem kurzen Ausflug in die komplizierte Geometrie der vierten Dimension geht das Gespräch über historische Figuren. Ich kann meinen eigenen Gedanken derweil nicht folgen und erzähle wie automatisch von Ruth, die anscheinend mal wieder in der Stadt ist. Iwan der Schreckliche war kein Gläubiger, war Atheist. Ein Perverser war er! Hat dem Groszkni mit dem Florett den Damm aufgeschnitten. „Einmal ließ er einen Fürsten in ein Bärenfell einnähen und auf das Eis bringen. Als seine großen Hunde den vermeintlichen Bären in Stücke rissen, belustigte der Zar sich so sehr, dass er vor Freude nicht wusste, auf welchem Bein er stehen sollte!“ Katherina die Große war da ganz anders, die war gottesfürchtig und steht heute noch im Ruf, sexbesessen und machtgierig gewesen zu sein. Sie lallen, aber ich, ich will auf die Bank springen, mit wehendem Umhang, will schreien:“ICH BIN DER BARON VON LUXEMBURG! ICH WOHNE DORT OBEN AUF DEM BERG UND SPIELE MERKWÜRDIGE SPIELE MIT PENDELN! SUPERDOPE! NIEMAND SOLL MICH DARAN HINDERN ZU SCHREIBEN, DENN FÜRWAHR ICH BIN DER ADELIGE, DEN MAN DEN BARON VON LUXEMBURG NENNT!
Ruth würde darüber nur lachen. Mein Basilikum ist verdorrt. Und mein neuer Freund, Persea gratissima, voll mit hoch-giftigem Persin, versucht mir zu entwachsen. Das an meinem Daumen scheint nur Farbe zu sein.

Ich überlege schon länger, mir Tee zu kochen. Beschließe immer wieder, es zu tun, vergesse es aber dann direkt wieder. Wenn es mir wieder einfällt, muss ich aufs Klo und vergesse es auf dem Rückweg wieder. Ein Teufelskreis, den zu durchbrechen ich nicht die Kraft habe.

Gänsehaut an meinen Knöcheln. Ich zittere, das rote Wasser ist kalt. Die Zigarette (obwohl ich ja überhaupt nicht rauche!) verformt sich zwischen meinen Fingern. Ruth. Ich spüre ihre Anwesenheit, ich weiß instinktiv, dass sie mein Revier betreten hat. Nur zu gerne würde ich mit ihr treffen und sie zum Duell auf Leben und blaue Flecken mit diesen Versandrollen, in denen man Poster verschickt, auffordern. Aber eigentlich bin ich nicht wegen ihr nervös. „Eigentlich“, sage ich mir, „sollte ich überhaupt nicht nervös sein! Ich sollte aufrecht, mutig und voller Tatendrang sein, ein kraftvoller Bursche in seinen besten Jahren!“.

Mein Bett ist groß und leer. Aber immerhin bequem.

Durch mein Hirn kriechen garstige Insekten aus dem Weltraum, in sauerstoffangereichterter Umgebung hochgezüchtet auf unglaubliche Größen. Ersticken können sie, dank Tracheenatmung, nur schwerlich. Ich suche verzweifelt nach einer Tube Bauschaum. Ich müsste mir einen extra langen, dünnen Aufsatz bauen, den ich in meine Nase, denn durch das Ohr geht es wegen übermäßiger Liebe zu meinem Trommelfell nicht, schieben könnte und mit dem ich den Viechern dann Baumschaum in ihre Atemorgane spritzen könnte, so dass sie ersticken und mich nicht länger belästigen würden!

Schiff im Sturm

Zum Abschluss spielt Mozarts Requiem (KV 626). Das große Finale findet nicht statt.

setzt sich die Sonne besser durch

photo cc by Richard Hemmer

Die ersten Sonnenstrahlen seit Dezember. Mit einem Male glänzt die Stadt wieder. Meine Stadt, wie ich übermütig behauptet habe, als wir die Prachtstraße entlanggelaufen sind, unwissend, was für Geheimnisse die Nacht bergen würde. Wir wussten nichts, nicht einmal den Weg.
Mein Abfluss ist wieder frei. Das schöne an Abflussreinigern ist ja, dass sie nicht nur Verstopfungen lösen, sondern auch das Waschbecken wieder so sehr glänzt, dass die Augen schmerzen. Und du fast hoffst, dass es wieder verstopft, damit du beim Zähneputzen nicht dauernd die Augen zukneifen musst.
Der Sommer steht hier schon verheißungsvoll vor den Toren der Stadt, beinahe spürst du schon die Sonne auf deiner Haut, deren Berührungen nie die Zärtlichkeit von jenen mythischen Wesen erreichen werden, die mir so sehr fehlen.
Jeden Morgen das gleiche Lied.
Jeden Abend der gleiche Text.
Jede Sekunde ein Weltuntergang.
Nichts bleibt so wie alles immer ist.

Weiß irgendwer, wo wir hingehen?
Die mächtige Stadt, bis zum Horizont überall nur Dächer, fremdartig rot gebrannt, sie mag dich. Obwohl hier alles kalt sein könnte, flüstert der Wind leise Liebesbekundungen in dein Ohr. Die Schneeflocken sehen aus wie im Fernsehen, die Sonne strahlt um ein vielfaches heller, der Regen ist nasser und sogar die Werbung ist noch dümmer als sonst.
Ein Windstoß, ein Wirbel, hoch zu den Seilen, die knarren wie Takelage. Sie führen zu dem Zeppelin, angetaut hoch oben über der Stadt, jeden Moment einsatzbereit. Es fehlt nur ein Kapitän, der da einen Kurs befiehlt.
Dein Mobiltelefon vibriert. Erst jetzt bemerkst du die Gänsehaut auf einem Rücken.
Die Ferne ruft an.

Nicht nur Glühwein.

Na endlich. Seit ich meinen ersten Spaziergang durch Wien, genauer durch meinen eigenen Bezirk gemacht hatte, wusste ich, dass diese Stadt unglaublich/verdammt/sehr inspirierend sein kann. Und nachdem ich schon fast angefangen hatte, über einen Asiaten, der in Wirklichkeit ein Vampir oder zumindest ein Mystiker sei, zu schreiben, fing die Uni an zu brennen und ich stürzte mich erstmal in einen Monat voll Protest. (Der übrigens immer noch anhält und über den ich auch gerne mal mehr schreiben werde.) Aber endlich habe ich wieder dieses Kribbeln in den Fingern. Merkwürdig auch, wie das sich ankündigt, wie ich immer wieder öfters in Backend wechsele, nur um mir die Statistiken anzusehen, wie ich darüber nachdenke, zu schreiben, ohne es wirklich zu tun, wie ich dann unwillkürlich auf den Link zum Backende klicke, nur um jetzt darüber zu schreiben, dass ich wieder Lust habe, zu schreiben. Und so was kann man ja einfach „meta“ nennen, es kursiv setzen und anfangen.

nichtnurgluehwein

Hier im Osten wird es viel zu früh dunkel. Ich werde mich daran wohl nie so richtig gewöhnen, genauso wenig wie da hier sein soll und dort da. Aber nicht umsonst komme ich aus dem Land, das den Mörtel für den großen Turm zusammen mischte. Fast unvorstellbar, zurückzukehren. Hier ist eine gute Fliehburg, ein sicherer Hafen für das Luftschiff während des Winters.
Aber ist hier „Zuhause“? Ein Ort, der dir immer noch so fremd ist? Glaubst du überhaupt daran, dass du je ein Zuhause haben wirst? Ist es nicht eher so, dass dein Leben ein ewiges Roadmovie sein sollte? Hast du dir die Flucht vor der Apokalypse nicht auf die Fahnen geschrieben? Sesshaft werden ist für Menschen, die an die Ewigkeit glauben.
Poetische Landschaften entfalten sich vor meinem geistigen Auge, und ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll, ohne sie zu zerstören. Einfache Worte können unglaublich glücklich machen, sie können aber auch der vernichtende Strahl des Todessterns sein, der Planeten in Milliarden Stücke zerspringen lässt wie billiges Porzellan. An der Bushaltestelle atme ich – wieder einmal, jene Luft ein, die nach Winter und Frost schmeckt und frage mich, wann er wohl endlich kommt und dieser Stadt einen weißen Mantel anlegt. Vielleicht habe ich ihn auf vertrieben mit Fackel und Feder?

Wärme könnten wir gerade alle gut gebrauchen. Nicht nur Glühwein.

photo cc by ethan lindsey

Trockendock

trockendock

Falls sich irgendwer wundert: Ich tu gerade so, als würde ich für mein Abschlussexamen lernen. Deshalb befindet sich das Zeppelin gerade im Trockendock, während ich mich mit Fächern wie Wildmangement, Waldwegebau und Waldgesellschaften beschäftige. Den Computer ganz wegsperren bringe ich nicht übers Herz – wie sollte ich auch sonst meine Fortschritte und meinen Frust twittern?
Klickt euch einfach mal durch meine Blogroll, wenn euch langweilig ist oder stöbert im Archiv. Oder geht raus an die frische Luft und atmet tief durch.

(Photo cc by Jeff Keen)